Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Laudatio für Rosa von Praunheim

Von Axel Ranisch

"Das ist Axel Ranisch, einer meiner begabtesten Studenten. Wir haben ihn schon mit 20 an der Filmhochschule aufgenommen. Er war ein Genie, ein kleiner Mozart. Seine Mutter hat Margot Honecker massiert und er hatte noch nie Sex." 

Das sind die Worte, mit denen mich mein Professor Rosa von Praunheim in großen Runden immer vorgestellt hat. (Zumindest bis 2009, danach hatte sich das mit dem Sex geändert.
In diesen Worten steckt bereits alles drin, was Rosa von Praunheim als Dozenten ausmacht. Seine große Liebe und der unbändige Stolz auf seine Studenten, sein Witz und sein Talent als pointierter Entertainer, aber auch seine ständigen Grenzüberschreitungen, seine Provokationen; die latente Überforderung seiner Studenten, die von ihm immer wieder ins kalte Wasser geworfen werden.

Rosas Lehrkonzept heißt Erleben und nicht Lernen. 

Deswegen hat er seine Studenten in den Knast gesteckt. Oder auf Weltreise nach New York, L. A. und Kalkutta geschickt. Er hat sie nachts unterrichtet, wenn die übrige Welt schlief. Er hat sie in SM-Studios und die Pathologie geführt, um sie mit Schmerz, Lust und Tod zu konfrontieren. Er hat den Tag der Schönheit ausgerufen. Er hat seine Studenten verheiratet, hat sich selbst von ihnen beim Sex filmen lassen. Er hat Hausbesuche veranstaltet und zu Elternabenden eingeladen. "Vergesst eure Wurzeln nicht, die machen euch aus!" Er hat die Gefühle seiner Studenten in Spielen, Diskussionsrunden oder heftigen Auseinandersetzungen nach außen gekehrt, bis Tränen und Aggressionen aus ihnen brachen, die sie nie wieder vergessen werden. Und er hat sie in jeder Woche Filme drehen lassen, weil man nur aus der Praxis lernen kann.

Aber warum dieses ständige Erleben? Dieses Leben leben und über Leben reden? 

Ganz einfach, weil die Filme für Rosa aus dem Leben kommen müssen. "Erzähle Geschichten, mit denen du dich auskennst. In denen dein Herz steckt. Dann erst bist du gut!"
Rosa von Praunheim ist ein einzigartiger Professor und Dozent. Der Beste vielleicht, den es überhaupt gibt. Vorausgesetzt, dass man sich darauf einlassen kann. Vorausgesetzt, dass man mutig genug ist, mit allen Konsequenzen zu erleben. Wenn nicht, kann es auch vorkommen, dass man von Rosa enttäuscht fallen gelassen wird, wie eine heiße Kartoffel. Aber auch das ist dann Erleben.
Um ein Lehrer und Mentor zu werden, brauchte Rosa nie eine Institution. Sein Drang junge kreative Menschen zu fördern und fordern, kommt aus einer tiefen Menschenliebe heraus. Er ist ein geborener Professor.

Und als dieser hat er an die heutige Generation des Deutschen Films maßgeblich Hand angelegt. Und deshalb erhält Rosa von Praunheim heute den FIRST STEPS Ehrenpreis.

 

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