Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Der FIRST STEPS Ehrenpreis 2014 geht an Heinz Badewitz

Sein Festival, die Internationalen Hofer Filmtage, wurde im Frühsommer 1967 aus der Taufe gehoben. Nicht von oben, nicht als politisches Zeichen, nicht als touristische Attraktion, sondern weil junge Filmemacher aus München ihre Filme zum Publikum bringen wollten. Und weil der filmverrückte Regisseur und Kameramann Heinz Badewitz einen guten Draht zu einem Kinobetreiber in seiner Heimatstadt Hof hatte, fand das erste Festival dort statt – und blieb bis heute. Auch das Motiv ist geblieben: Filme entdecken, Filme zeigen. Heinz Badewitz wurde so nicht nur zu einem international respektierten Programm-Macher, er wurde vor allem zum Mentor junger deutscher Filmemacherinnen und Filmemacher, die seit Generationen einen festen und wichtigen Platz im Programm seiner Hofer Filmtage haben. 

Wie es sich anfühlt, als Jungfilmer zum ersten Mal ins sagenumwobene "Home of Films" (Wim Wenders) eingeladen zu werden, beschrieb der Regisseur Florian Gallenberger zum 40-jährigen Jubiläum der Hofer Filmtage ebenso anschaulich wie amüsant. Mit Erlaubnis des Autors zitieren wir seinen Text hier im Anhang – als Hommage an Heinz Badewitz. 

Der FIRST STEPS Ehrenpreis würdigt Personen und Haltungen, die beispielhaft und unterstützend für den Filmnachwuchs sind. Zu den letzten Preisträgern gehörten u.a. Rosa von Praunheim, Gerd Ruge, Helene Schwarz und die Redaktion "Das kleine Fernsehspiel". 

Die Laudatio hielt Alfred Holighaus, Geschäftsführer Deutsche Filmakademie.

Florian Gallenberger: 
Hof ist Hof – Begegnungen mit einem Phänomen

MEIN ERSTES MAL – 1997
Das Hotelzimmer hat die Größe eines Schuhkartons, und ich teile es noch mit meinem Co-Regisseur German Kral. Es gibt nur ein Bett, kein Bad, das Zimmer befindet sich in einem lichtlosen Rückgebäude neben einer Tankstelle (eine Vielzahl deutscher Filmemacher – vor allem ehemalige Filmhochschüler – kennen dieses Rückgebäude, denn wer Anfänger ist, logiert hier, und so haben wohl die meisten Karrieren mindestens einmal in einem dieser Zimmer Station gemacht).

Wir haben kein Auto und pilgern mit den anderen, die auch kein Auto haben, durch die triste Suburbia von Hof zum Festival. Das sollen die sagenumwobenen Hofer Filmtage sein? Die Wiege des neuen deutschen Films? Stätte filmischer Heldentaten? Wir sind enttäuscht.

Doch wenig später stehen German und ich in einem Kino, das so überfüllt ist, wie ich es noch selten erlebt habe. Wir zeigen unseren Kurzfilm TANGO BERLIN und kommen uns vor wie die Könige, denn noch nie hatten wir so ein Publikum, noch nie sind wir mit unserem Kurzfilm so ernst genommen worden. Das sind also die Hofer Filmtage! Wir beginnen zu verstehen und sind glücklich, hier zu sein.

Nach der grandiosen Vorführung wartet ein Mensch mit beeindruckender weißer Löwenmähne auf uns – Jimi Vogler. Er fragt, ob wir Fußballspielen können. Klar können wir, aber warum? (Man muss sich vorstellen, dass wir nicht einmal wussten, dass es in Hof ein traditionelles Fußballspiel gibt. Was lernt man eigentlich auf der Filmhochschule?)

Doch das Spiel wird zum Debakel für mich: Meine Schuhe kommen nicht durch die Materialkontrolle des Trainers, und ich muss mir die von Wim Wenders leihen, nachdem er ausgewechselt wird. Nur, er hat die Größe 45, ich 42. Als ich dann in einem Laufduell einen Schuh verliere, werde ich sofort vom Feld genommen, mit der Begründung, die Spielzeit sei auf die Dauer des Films bemessen. TANGO BERLIN ist fünf Minuten lang.

DAS ZWEITE MAL – 1999
Diesmal mit meinem Film QUIERO SER. Komme mir schon vor wie ein alter Hof-Profi, denn ich war ja schon mal hier (dass es Menschen gibt, die in diesem Jahr zum 33. Mal nach Hof kommen, ist einem Grünschnabel wie mir nicht vorstellbar). Mein Zimmer ist riesig im Vergleich zum ersten (teile es aber mit drei Anderen, die gar kein Zimmer bekommen haben).

QUIERO SER läuft – wie immer in Hof, könnte man sagen – vor ausverkauftem Saal, und ich bemerke, dass Hof einer der wenigen Orte ist, an dem sich Filmemacher nicht nur für den eigenen Film interessieren, sondern tatsächlich auch für das Werk ihrer Kollegen. Vielleicht ist es eine Mischung aus dem Geist der Anfangsjahre des Festivals und der Abgeschiedenheit von der tagtäglichen Filmszene, die in Hof den Neid und die Missgunst untereinander zum Schweigen bringt. Und natürlich das alles vereinende Fußballspiel, das für mich erneut zu einem herben Rückschlag wird. Als ich mit meinen niegelnagelneuen Fußballschuhen anlaufen will, pfeift der Trainer mich zurück. Ungetragene Schuhe kommen nicht in Frage! Danach werde ich erst in der 83. Minute eingewechselt, nachdem mir ein Kollege seine Schuhe zur Verfügung stellt und versichere, dass sie besser passen als letztes Mal die von Wim Wenders. Sieben Minuten Spielzeit. Ich fühle mich betrogen, immerhin ist QUIERO SER 34 Minuten lang.

DAS DRITTE MAL – 2001
Ohne eigenen Film. Nur um andere Filme zu sehen, und wegen des Fußballspiels natürlich.
Im Kino bemerke ich, welchen Unterschied es macht, an einem Festival teilzunehmen, ohne einen eigenen Film dazuhaben. Der Blick wird freier, die Angst ist kleiner und das Interesse größer. Ob das wohl im ganzen Leben so ist?
Fürs Fußballspiel bin ich bestens gewappnet: eingelaufene Fußballschuhe, gute Kondition, und mit meinem Oscar im Gepäck werde ich bestimmt ausgiebig zum Zuge kommen – denke ich.
Doch Hof ist Hof, und das heißt, dass ich in der 41. Minute eingewechselt werde, und zwar als rechter Verteidiger – wobei ich doch eine Stürmerseele bin. Weswegen mich auch nichts halten kann und ich trotz lauthalsiger Befehle von der Bank im gegnerischen Strafraum agiere. Dort werde ich hinterrücks zu Fall gebracht, und der Schiri pfeift Elfmeter. Das ist mein Durchbruch, denke ich, jetzt werde ich zum Stammspieler avancieren. Als jedoch der Mannschaftskapitän den Elfer verschießt, werde zur Strafe ich ausgewechselt (44. Minute), und in der Pause wird mir mitgeteilt, dass ich mich umziehen könne. Ergebnis: 3 Minuten Spielzeit (von wegen Oscar-Bonus).

FAZIT:
Die Hofer Filmtage stellen für ein langes Wochenende immer wieder einen erstaunlich unmittelbaren und ehrlichen Kontakt innerhalb der Filmszene her und lassen uns dadurch (vorübergehend) die Hybris und Selbstbezogenheit vergessen, mit der wir normalerweise auf uns und unsere Arbeit blicken.

Das Festival beweist, wie viel jemand, der wirklich für eine Sache lebt und steht – Heinz Badewitz nämlich – aufbauen kann (und das trotz einer erstaunlich unmodischen Frisur), und wie sehr ein Ort und eine ganze Branche davon profitieren können. Hof ist das menschlichste Festival, das ich kenne, ein gelungenes Heilmittel gegen die landläufige Selbstüberschätzung und eine Chance, einander unvoreingenommen zu begegnen. Ich möchte Heinz Badewitz für das Festival und für das Geschenk, das er uns allen damit macht, ganz herzlich danken!

P.S. Nur über meine Einsatzdauer beim Fußball muss noch mal gesprochen werden.

Florian Gallenberger schloss 1999 sein Regiestudium an der HFF München mit dem Spielfilm "Quiero Ser" ab, der nicht nur den Studenten- und den Kurzfilm-Oscar, sondern auch den ersten FIRST STEPS Award gewann. Sein zweiter abendfüllender Spielfilm "John Rabe" wurde beim Deutschen Filmpreis 2009 mit vier Lolas ausgezeichnet. 2011 berief die HFF München Florian Gallenberger zum Honorarprofessor. Er ist seit 2012 Mitgesellschafter der Majestic Filmproduktion.

Sein Text über Hof erschien erstmals in:

Home of Films - Ein Rückblick auf 40 Jahre Internationale Hofer Filmtage. Bearbeitung: Ursula Wulfekamp, Rainer Hübsch, Eliane Hagedorn, Rekkenze Verlag 2006

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

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