Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

16.09.2013

Die First Steps Awards 2013 sind verliehen - Preisträger und Jurybegründungen hier

Abendfüllender Spielfilm
Lamento

Spielfilm, 86'. Regie: Jöns Jönsson, Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg
Saras Mutter errichtet mit verbissenem Willen einen Wall aus Routine und Alltagsritualen, hinter dem sie sich vor dem Schmerz um den Tod ihrer Tochter verschanzt. Mühsam und sehr langsam bahnt sich die Trauer einen Weg durch Verleugnung, Sprachlosigkeit und Schuldgefühle, und mündet in einen verstörenden Dammbruch. – Ein stiller, rätselhafter und sehr berührender Film über die Lügen und Geheimnisse, in die sich eine Mutter nach dem unfassbaren Verlust ihres Kindes einzuspinnen versucht. Filmisch ausgereift, mit kluger Bild- und Lichtgestaltung, leisen Tönen und sehr ungewöhnlichen Schauspielern (allen voran die großartige Gunilla Röör) beeindruckt "Lamento" vor allem durch eine erzählerische Reife, in der Intensität aus Einfachheit entsteht.

Dokumentarfilm
Neuland
Dokumentarfilm, 93'. Regie: Anna Thommen, Kamera: Gabriela Betschart, Zürcher Hochschule der Künste
Lehrer Zingg gibt seinen Schülern die Aufmerksamkeit und Achtung, die ihnen bisher versagt blieben. Denn die jugendlichen Helden aus Afghanistan, Kamerun, Serbien und Venezuela haben bis in die Integrationsklasse in Basel einen schweren Weg hinter sich. Die Spuren, die Krieg, Tod, Flucht und Trennung von der Familie in ihren jungen Seelen hinterlassen haben, machen ihnen die Suche nach einem Platz in der Schweizer Gesellschaft schwer. Trotz aller Fragen an eine ungewisse Zukunft endet der Film mit einer exemplarischen Umarmung – und geht damit weit über das Thema Migration hinaus. Ausgezeichnet werden eine Regisseurin und eine Kamerafrau, die mit Sensibilität und Respekt einen Film von großer visueller und emotionaler Kraft geschaffen haben.

Kurz- und Animationsfilm bis 25 Minuten
Parvaneh
Kurzspielfilm, 24'. Regie: Talkhon Hamzavi, Zürcher Hochschule der Künste
In einem Schweizer Durchgangsheim lebt Parvaneh, die noch zu jung ist, um ihren Eltern Geld nach Afghanistan überweisen zu dürfen. In ihrer Verzweiflung spricht sie die ruppige Punkerin Emily an. Eher unfreiwillig verbringen die beiden den Abend miteinander. Diese Begegnung zwischen der jungen Migrantin und dem fast gleichaltrigen Zürcher Wohlstandskind, zwischen armer und reicher Welt, ist eine ergreifende, universelle Erzählung. Im Gesicht der jungen Darstellerin Nissa Kashani spiegelt sich das Migrantenschicksal an sich: die millionenfache Erfahrung, allein und ratlos in eine fremde Welt geworfen zu werden.

Spielfilm bis 60 Minuten
Sunny
Spielfilm, 30'. Regie: Barbara Ott, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Hajo schleppt sein Baby unterm Arm mit sich rum und sucht einen Job, prügelt sich und macht einen Fehler nach dem anderen. Dreißig schweißtreibende Minuten lang folgen wir diesem jungen Vater bei seinen Versuchen, Kind und Job und Schlagreflexe in den Griff zu bekommen. Und hoffen dabei immer, dass es dieses eine Mal gut- oder wenigstens nicht schiefgeht. – Das ist mit einer geradezu physischen Wucht erzählt und in einem Tempo, das an Filme der Brüder Dardenne erinnert. Sehr gut geschrieben, inszeniert, fotografiert und geschnitten – und getragen vom wirklich atemberaubenden Spiel des Hauptdarstellers Vincent Krüger.

NO FEAR Award
Zwei Mütter

Spielfilm, 80'. Produktion: Cosima Maria Degler, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
Ein glücklich verheiratetes lesbisches Paar möchte ein Kind – und damit beginnt eine Odyssee durch deutsche Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Internetforen, bei der das Glück ganz allmählich auf der Strecke bleibt. Produzentin und Regisseurin haben in enger Zusammenarbeit ein Konzept entwickelt, das diesen halbdokumentarischen Spielfilm zu einem unerhört authentischen Erlebnis macht. Dazu gehören ein kleines Team, zehn Drehtage, fundierte Recherche und zwei tolle Schauspielerinnen. Die übrigen Darsteller, und das ist wirklich ungewöhnlich, spielen zum größten Teil sich selbst. – Da sind ein paar furchtlose Menschen mit sehr wenig Geld losgezogen – und mit reicher Ernte zurückgekehrt.

Werbefilm
MCP
Werbefilm, 77''. Regie: Tobias Haase, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg
"MCP" hat das, was heutigen Werbespots oftmals fehlt: Wirkung. Dieser Spot versendet sich nicht. Als Zuschauer wird man förmlich dazu gezwungen, sich eine Meinung zu bilden. Darf ein fiktiver Spot eine real existierende Marke zum obersten Richter über Leben und Tod machen? Darf Werbung das Thema Nationalsozialismus überhaupt aufgreifen? Noch nie hat die Jury so kontrovers diskutiert. Am Ende lautet unsere Antwort „Ja“. Trotz offizieller Distanzierung des Kunden zu dem Spot und mit Aussicht auf kritische Stimmen bleibt der Regisseur Tobias Haase seinen künstlerischen Idealen treu. Solche Ideen-Verfechter braucht die Kreativbranche.

FIRST STEPS Ehrenpreis
Rosa von Praunheim
Wir ehren den Filmemacher, Provokateur, Autor, Aktivist, Künstler und Menschen für eine Facette seines Lebenswerks, von der wir auch bei FIRST STEPS in den letzten Jahren oft profitieren durften: die Inspiration, die er als Mentor und Lehrer für jüngere Filmemacher darstellt.
Seinen Impulsen verdanken viele junge Filmemacher einen Durchbruch, ein Aha-Erlebnis, einen besonderen Film – Robert Thalheims "Netto" gehört ebenso dazu wie Axel Ranischs "Dicke Mädchen". Zum 70. Geburtstag schenkten ihm diese beiden und drei andere "Rosakinder" den gleichnamigen Film, in dem sie Rosas Einfluss auf ihr filmisches Werk reflektieren. Tom Tykwer etwa lernte von ihm, "dass ein Film durch das Herz des Filmemachers ins Hirn und wieder zurückgejagt werden muss", Chris Kraus liebt an ihm die "Schmerzen, die er zufügt und annimmt, erleidet und heilt" und Julia von Heinz glaubt, das sie ohne diesen "Mentor, der mir immer wieder das Leben rettet", keine Regisseurin wäre.
Rosa von Praunheims Lehrmethoden sind alles andere als pädagogisch, aber er vermittelt Dinge, die existentiell sind für das künstlerische Schaffen und Sein: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Angstfreiheit, die Bereitschaft, bis in die verborgenen Kammern der eigenen Seele zu blicken. Schnell und notfalls billig zu arbeiten und zu erzählen, ungeduldig zu sein, Ästhetik und Methoden des Undergrounds nicht zu verachten. Ein Bewusstsein für soziale Zusammenhänge entwickeln, Engagement als persönliche Bereicherung zu empfinden – sich für die Menschen zu interessieren und sie zu lieben.
Rosa von Praunheim scheint all dieses zu lehren, indem er es lebt.
Der FIRST STEPS Ehrenpreis würdigt Personen und Haltungen, die beispielhaft und unterstützend für den Filmnachwuchs sind. Zu den Preisträgern gehören u.a. Gerd Ruge, Helene Schwarz und die Redaktion
"Das kleine Fernsehspiel".
Als Element eines Nachwuchspreises ist der Ehrenpreis aber natürlich auch verbunden mit der freudigen Erwartung auf künftige Werke. Wir sind sicher, auch in dieser Hinsicht wird Rosa von Praunheim uns nicht enttäuschen: Kaum hat er die 70 Filme zu seinem 70. Geburtstag fertig gestellt, da nimmt er schon vier weitere filmische Großprojekte in Angriff. Seinem Credo, dass alles möglich ist, bleibt er treu. Seine Leidenschaft für sehr lauten, aber recht unorthodoxen Gesang erklärte er kürzlich so: "Ich weiß nicht, was es ist – aber es kommt von Herzen!"

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