Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Jurybegründungen 2013

Die Nominierungen in der Kategorie Kurz- und Animationsfilm

Dedowtschina
Kurzspielfilm, 21'. Regie: Maxim Kuphal-Potapenko, Hamburg Media School

Ein junger Soldat, der vor der "Dedowtschina" – grausamen Misshandlungen von Rekruten in der russischen Armee – desertiert ist, versteckt sich bei seiner Schwester in Deutschland. Als er nur für einen winzigen Moment seinen Unterschlupf verlässt, um einem Kind in Not zu helfen, begibt er sich in größte Gefahr. – Sehr wirkungsvoll öffnet dieser kurze Film unseren Blick für ein Drama, das sich jederzeit auch in unserer eigenen Nachbarschaft abspielen könnte. Glaubwürdig erzählt und inszeniert, vermittelt er eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen muss, in der Illegalität zu leben, in der sogar ein kleiner menschlicher Reflex katastrophale Folgen haben kann.

Kosherland
Kurzspielfilm, 16'. Regie: Pyotr Magnus Nedov, Kunsthochschule für Medien Köln

In Shlomos Laden geht es heute gar nicht koscher zu: Hinten sitzt ein Polizist mit Durchfall, vorne philosophiert sein Kollege bei einem Gläschen Wodka mit Jarik, der direkt aus dem Knast kommt. Dessen Kumpels zerlegen derweil zuerst Shlomos Laden und dann gegenseitig sich selber, dazu gibt es entsprechende Mengen Himbeerblut. Nur einer überlebt und macht sich schließlich mit dem eigentlichen Objekt der Begierde davon: einem Glas grüner Salztomaten. – Der gebürtige Moldawier, promovierte Philosoph, Romanautor, Archäologe und Filmemacher Piotr Magnus Nedov hat eine souveräne Genre-Parodie gemacht: Tarantino in der lettischen Provinz.

Nashorn im Galopp
Kurzspielfilm, 15'. Regie: Erik Schmitt, Freie Einreichung

Eine Berliner Love-Story mit unzähligen witzigen, verspielten und liebevollen Details – Boy meets Girl eine Woche vor der Abreise. Und plötzlich wissen wir wieder, wie es sich anfühlt, wenn vor lauter Liebe die Stadt und die Welt verrückt spielen, wenn man sich selbst und alles Drumrum am liebsten auf Taschenformat bringen und verschenken möchte. - Dieser Film kommt nicht von einer Filmhochschule, sondern aus der kleinen Berliner Produktionsfirma "Kamerapferd", die uns schon mit so hinreißenden Titeln wie "Fliegenpflicht für Quadratköpfe" oder "Nun sehen Sie Folgendes" erfreute. Wir hoffen auf mehr.

Wir fliegen
Kurzspielfilm, 21'. Regie: Ulrike Kofler, Kunsthochschule für Medien Köln

Eine Kindergärtnerin nimmt ein nicht abgeholtes Kind mit zu sich nach Hause. Später kommt ihr Freund. Am Ende dieses Abends ist kaum etwas passiert – aber alles hat sich verändert. Basierend auf einer Erzählung von Peter Stamm (und mit einem unvergesslichen Kinderdarsteller) macht der Film ohne viele Worte spürbar, wie zwei Lebensentwürfe an einem leisen Abend unwiderruflich auseinander driften. Still beobachtend, nachdenklich nähert er sich der Frage: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Vieles bleibt Andeutung, rätselhaft auch über das Ende hinaus.

Der Preisträger: Parvaneh
Kurzspielfilm, 24'. Regie: Talkhon Hamzavi, Zürcher Hochschule der Künste

In einem Schweizer Durchgangsheim lebt Parvaneh, die noch zu jung ist, um ihren Eltern Geld nach Afghanistan überweisen zu dürfen. In ihrer Verzweiflung spricht sie die ruppige Punkerin Emily an. Eher unfreiwillig verbringen die beiden den Abend miteinander. Diese Begegnung zwischen der jungen Migrantin und dem fast gleichaltrigen Zürcher Wohlstandskind, zwischen armer und reicher Welt, ist eine ergreifende, universelle Erzählung. Im Gesicht der jungen Darstellerin Nissa Kashani spiegelt sich das Migrantenschicksal an sich: die millionenfache Erfahrung, allein und ratlos in eine fremde Welt geworfen zu werden.

Die Nominierungen in der Kategorie Spielfilm bis 60 Minuten

Stufe Drei
Spielfilm, 26'. Regie: Nathan Nill, Hamburg Media School

Akzeptanz, Reflexion, Integration: Das ist Stufe Drei. Da muss er hin, erklären die Pädagogen dem zu 300 Stunden Sozialarbeit in der Behinderten-WG verdonnerten Maik gleich zu Beginn ... Regisseur Nathan Nill beweist ein sehr eigenes Talent für Komödien der leiseren Gangart. Hier nimmt er sich des Genres "Behindertenkomödie" ("Wer betreut hier eigentlich wen?") auf sympathisch lakonische Weise an – mit gut aufgelegten Schauspielern (darunter der herrliche Heiko Pinkowski), wirklich lustigen Dialogen und einer schön schrägen Anbindung an die Realität.

Tuppern
Spielfilm, 35'. Regie: Vanessa Gräfingholt, Filmakademie Wien

Gabi hat ihre Freundinnen zur Tupperparty geladen und stopft sich vorher heimlich noch einen Keks in den Mund. Eveline muss den neuen Speedy Boy verkaufen und versucht, nicht gestresst zu wirken. - Eine kluge Regisseurin und fünf grandiose Schauspielerinnen zeigen, was sie können. Die Kamera sitzt einfach mit am Tisch. Manchmal verweilt sie für einen langen Moment auf einem Gesicht, und dann wird in all dem Trubel die stumme Verzweiflung dieser weiblichen Vorstadt-Misere so unübersehbar, dass es kaum zum Aushalten ist. Das ist lustig, böse und traurig, sehr gut gespielt und inszeniert, und sehr österreichisch: "Für mich nix mehr, danke!" – "Ist eh mein Glas."

Der Preisträger: Sunny
Spielfilm, 30'. Regie: Barbara Ott, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Hajo schleppt sein Baby unterm Arm mit sich rum und sucht einen Job, prügelt sich und macht einen Fehler nach dem anderen. Dreißig schweißtreibende Minuten lang folgen wir diesem jungen Vater bei seinen Versuchen, Kind und Job und Schlagreflexe in den Griff zu bekommen. Und hoffen dabei immer, dass es dieses eine Mal gut- oder wenigstens nicht schiefgeht. – Das ist mit einer geradezu physischen Wucht erzählt und in einem Tempo, das an Filme der Brüder Dardenne erinnert. Sehr gut geschrieben, inszeniert, fotografiert und geschnitten – und getragen vom wirklich atemberaubenden Spiel des Hauptdarstellers Vincent Krüger.

Die Nominierungen in der Kategorie Werbefilm

Children Deserve Love
Werbefilm, 57''. Regie: Anna-Katharina Maier, Hochschule für Fernsehen und Film München

Ein schlichtes Laken als Spiegel dreier Kinderseelen, welches nach und nach deren Demütigung, die Gewalt und den Missbrauch ungeschönt aufzeigt. Die Tonspur lässt die Szenen in den Familien so lebendig werden, dass keine aufwendige Inszenierung nötig ist: das verzweifelte Flehen und die Hilferufe der Kinder, Streit zwischen den Eltern. Schlicht und mit unerwarteter Gewalt treffen die Worte den Zuschauer so sehr, dass das Hinsehen und -hören zusehends unangenehm wird. Regisseurin Anna-Katharina Maier beweist, dass manche Worte keine weiteren Bilder benötigen.

Don’t Be Afraid Of The Dark (Steiff)
Werbefilm, 64''. Regie: Denis Parchow, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Wenn Träume plötzlich Realität werden, ist dies normalerweise großartig. Wenn allerdings Albträume Realität werden, braucht man einen starken Partner an seiner Seite. In diesem Spot ist solch ein zuverlässiger Buddy gefunden. In knapp einer Minute erschafft Denis Parchow eine Heldengeschichte auf Kino-Niveau. Mit hohem Production Value und einer ausgezeichneten Übersetzung des Produktnutzens überzeugt der Werbefilm nicht nur die Kleinen, sondern auch die Großen. Und ganz nebenbei: Bei welcher Castingagentur kann man solche genialen Monster buchen? Großartig!

Fears (Herbaria)
Werbefilm, 69''. Regie: Andreas Roth, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Eindrucksvoll und mit spektakulären Unterwasserbildern versenkt der Spot unsere Ängste – einen Clown à la „Pennywise“, einen Massenmörder mit Kettensäge und sogar den Tod. Unterlegt mit dramatischer Streichermusik ringen die Angst einflößenden Kreaturen vergebens nach Luft. Bis sie ihr schließlich erliegen – der Kraft eines Beruhigungstees. Konträrer hätte man Werbung für ein derartiges Produkt kaum gestalten können. Stilsicher setzt Andreas Roth seine klare Handschrift unter den Spot und zeigt, dass Produkte nicht immer nach Schema F beworben werden müssen.

The Journey (Mercedes-Benz)
Werbefilm, 90''. Regie: Andreas Bruns, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Heimlich tritt nachts ein kleiner Junge seine Reise durch den Großstadtdschungel an. Unerschrocken und unbeirrt verfolgt er sein Ziel. Das stellt sich als echte Überraschung heraus – erst am Ende des Spots erfährt der Zuschauer, wovon kleine Jungs wirklich träumen. Andreas Bruns gelingt es, den Spannungsbogen bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Klassisch-konservativ, aber mit toller Inszenierung stellt er unter Beweis, dass kindliche Kulleraugen in der Werbung einfach immer noch funktionieren.

Der Preisträger: MCP
Werbefilm, 77''. Regie: Tobias Haase, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

"MCP" hat das, was heutigen Werbespots oftmals fehlt: Wirkung. Dieser Spot versendet sich nicht. Als Zuschauer wird man förmlich dazu gezwungen, sich eine Meinung zu bilden. Darf ein fiktiver Spot eine real existierende Marke zum obersten Richter über Leben und Tod machen? Darf Werbung das Thema Nationalsozialismus überhaupt aufgreifen? Noch nie hat die Jury so kontrovers diskutiert. Am Ende lautet unsere Antwort „Ja“. Trotz offizieller Distanzierung des Kunden zu dem Spot und mit Aussicht auf kritische Stimmen bleibt der Regisseur Tobias Haase seinen künstlerischen Idealen treu. Solche Ideen-Verfechter braucht die Kreativbranche.

Die Nominierungen für den NO FEAR Award für Produktionsabschlüsse

5 Jahre Leben
Spielfilm, 92'. Produktion: Joseph M'Barek, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein studentisches Team wählt ein wichtiges politisches Thema für seinen Abschlussfilm und will damit ein großes Publikum erreichen. Ein Produktionsstudent beweist dafür den Mut, sich auf ein Projekt weit jenseits studentischer Größenordnung einzulassen. Starke Partner und große Budgets können für einen Abschlussfilm Segen und Fluch zugleich sein, denn sie bedeuten lange Produktionszeiten und hohe Erwartungen. Joseph M'Barek hat sich dieser Herausforderung mit außergewöhnlich produzentischem Mut gestellt. Herausgekommen ist ein wirklich beeindruckender Kinofilm über das "System Guantanamo".

Eastalgia
Spielfilm, 93'. Produktion: Simon Amberger, Rafael Parente, Hochschule für Fernsehen und Film München

Grenzüberschreitungen sind das Thema dieses Films, und um Grenzen und deren Überwindung ging es auch in produzentischer Hinsicht. Eine serbisch-ukrainisch-deutsche Koproduktion, gedreht in 28 Drehtagen an 38 Locations in Belgrad, Kiew und München – dafür gibt es kaum Strukturen oder Erfahrungen. Und wie die jungen Produzenten bald feststellen mussten, hatten sie es dabei mit Partnern von gelegentlich "erschreckender Spontaneität" zu tun. Bewundernswerte Risikobereitschaft muss man diesen Jungproduzenten bescheinigen, die ihre Firma "NeueSuper" schon während des Studiums gegründet haben – und von denen wir noch viel sehen und hören werden.

Der Preisträger: Zwei Mütter
Spielfilm, 80'. Produktion: Cosima Maria Degler, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein glücklich verheiratetes lesbisches Paar möchte ein Kind – und damit beginnt eine Odyssee durch deutsche Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Internetforen, bei der das Glück ganz allmählich auf der Strecke bleibt. Produzentin und Regisseurin haben in enger Zusammenarbeit ein Konzept entwickelt, das diesen halbdokumentarischen Spielfilm zu einem unerhört authentischen Erlebnis macht. Dazu gehören ein kleines Team, zehn Drehtage, fundierte Recherche und zwei tolle Schauspielerinnen. Die übrigen Darsteller, und das ist wirklich ungewöhnlich, spielen zum größten Teil sich selbst. – Da sind ein paar furchtlose Menschen mit sehr wenig Geld losgezogen – und mit reicher Ernte zurückgekehrt.

Die Nominierungen in der Kategorie Dokumentarfilm

Ma na Sapna – Träume einer Mutter
Dokumentarfilm, 86'. Regie: Valerie Gudenus, Zürcher Hochschule der Künste

"Ma na Sapna" schildert das Schicksal von Frauen, die für neun Monate in die größte Leihmütterschafts-Klinik Indiens einziehen, um Babys für die "Erste Welt" zu produzieren. Die Regisseurin Valerie Gudenus und ihre Kamerafrau Gabriela Betschart bewegen sich auf leisen Sohlen und mit unglaublichem Feingefühl durch diesen intimen Mikrokosmos. Selten hat ein Film die Kluft zwischen "Erster" und "Dritter" Welt so emotional erfahrbar gemacht. Starke Szenen und konzentrierte Gespräche erzeugen eine erzählerische Wucht, die den Betrachter mitten ins Herz trifft.

Majubs Reise
Dokumentarfilm, 48'. Regie: Eva Knopf, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Am Beispiel eines schwarzen Statisten aus Filmen der 1930er Jahre reflektiert der Filmessay deutsche Kolonialgeschichte. Für Majub, den ehemaligen Kindersoldaten in der Schutztruppe Deutsch-Ostafrikas, hält die Mehrheitsgesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland keine andere Option bereit als die Statistenrolle. Eva Knopf kombiniert seltenes Archivmaterial klug mit aktuellen Bildern und schafft so unerwartete Gegenwartsbezüge. Denn fast nebenbei stellt sich die Frage, wie das Bild, das einem die Gesellschaft aufprägt, den eigenen Lebensweg beeinflusst.

Metamorphosen
Dokumentarfilm, 84'. Regie: Sebastian Mez, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein erstaunlicher Bericht aus einer Welt, die ein halbes Jahrhundert für ausländische Beobachter unsichtbar bleiben musste. Vor über fünfzig Jahren verstrahlte eine Atomkatastrophe eine halbe Million Menschen im Südural. Die Menschen in den Dörfern leben dort wie am Ende der Welt. Der Film zeigt in eindrucksvollen Schwarzweiß-Einstellungen die kontaminierte Landschaft und erzählt von Menschen, die bewusst in ihrer Heimat geblieben sind. "Metamorphosen" macht sichtbar, was eigentlich unsichtbar ist: Radioaktivität.

Vater Vater Kind
Dokumentarfilm, 62'. Regie: Franziska von Malsen, Hochschule für Fernsehen und Film München

Dario und Markus wollen ein Kind und leben in England, wo es gleichgeschlechtlichen Paaren im Gegensatz zu Deutschland erlaubt ist, zu adoptieren. Mit erstaunlicher Nähe zu den Protagonisten lässt uns die Filmemacherin Zeugen des schwierigen Adoptions-Prozesses werden, in dem Homosexualität im Grunde keine Rolle mehr spielt, sondern die Frage zählt, ob ein Kind aus schwierigen Verhältnissen ein liebevolles Zuhause finden kann. Wie die Rollen der beiden Männer in ihrer Beziehung verändert sich mit der Zeit auch der Blick der Zuschauer auf ein Thema, das oft abstrakt bleibt und hier hautnah nachfühlbar wird.

Der Preisträger: Neuland
Dokumentarfilm, 93'. Regie: Anna Thommen, Kamera: Gabriela Betschart, Zürcher Hochschule der Künste

Lehrer Zingg gibt seinen Schülern die Aufmerksamkeit und Achtung, die ihnen bisher versagt blieben. Denn die jugendlichen Helden aus Afghanistan, Kamerun, Serbien und Venezuela haben bis in die Integrationsklasse in Basel einen schweren Weg hinter sich. Die Spuren, die Krieg, Tod, Flucht und Trennung von der Familie in ihren jungen Seelen hinterlassen haben, machen ihnen die Suche nach einem Platz in der Schweizer Gesellschaft schwer. Trotz aller Fragen an eine ungewisse Zukunft endet der Film mit einer exemplarischen Umarmung – und geht damit weit über das Thema Migration hinaus. Ausgezeichnet werden eine Regisseurin und eine Kamerafrau, die mit Sensibilität und Respekt einen Film von großer visueller und emotionaler Kraft geschaffen haben.

Die Nominierungen in der Kategorie Abendfüllende Spielfilme

5 Jahre Leben
Spielfilm, 92'. Regie: Stefan Schaller, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Der Film basiert auf dem autobiografischen Bericht des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz und konzentriert sich ganz auf den ungleichen Zweikampf zwischen dem amerikanischen Verhörspezialisten und dem Häftling, der nur eine Handlungs- (und Überlebens-) Möglichkeit hat: nicht etwas zu gestehen, das er nicht getan hat. Die fast klinisch genaue Schilderung des einsamen Gefangenen, herausragend verkörpert von Sascha Alexander Gersak, ist eine spezielle Stärke des Films. Hut ab vor einem studentischen Team, das ein so wichtiges und schwieriges Thema – die unteilbaren Menschenrechte – für die Abschlussarbeit gewählt hat.

Finsterworld
Spielfilm, 91'. Regie: Frauke Finsterwalder, Hochschule für Fernsehen und Film München

Blick ich auf Deutschland ... ein böser Bilderreigen, ein Querschnitt durch den Zeitgeist eines an sich selbst erstickenden Deutschlands. Der Film lässt nichts aus. Blasierte Kids beim KZ-Besuch, die menschenverachtende Arroganz der vermeintlichen Elite, kleine und große Perversionen. Und wer glaubt, sich dem durch Einsiedelei entziehen zu können, irrt gewaltig... Alles erscheint perfide verzahnt, wie ein abgründiger Teufelskreis. Eine Achterbahnfahrt zwiespältiger Gefühle, komisch und bösartig, unterhaltsam und zynisch zugleich. Zum Leben erweckt von einer Riege herausragender Darsteller, die die brillanten Dialoge ebenso brillant umsetzen.

König von Deutschland
Spielfilm, 92'. Regie: David Dietl, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Olli Dittrich und Veronica Ferres als Herr und Frau Müller in einer Mediensatire über eine fortgeschrittene Variante von Marktforschung: die Vermessung des Durchschnittsbürgers, der seiner Instrumentalisierung nur sehr langsam auf die Schliche kommt. Das ist stilsicher umgesetzt und lustvoll gespielt, ein Füllhorn von Einfällen aller Art: So ist Thomas Müllers Beruf das Verfassen von Texten für Navigationsgeräte, und seine Fantasien kreisen um die Kollegin, die so sexy "in 300 Metern bitte rechts abbiegen" haucht. Und wenn Sabine Müller sich vor ihrem Duschvorhang mit Bergpanorama fotografieren lässt, ahnt man, in welchen Ausstattungsrausch das Team geraten sein muss.

Schwarzer Panther
Spielfilm, 79'. Regie: Samuel Perriard, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Ein Haus in den Schweizer Bergen. Da gibt es von Anfang an dieses Beunruhigende, nicht Ausgesprochene, ein Geheimnis. Zwei Schauspielergesichter, die einen nicht mehr los lassen. Und da ist die Landschaft, das Gebirge, das die Größe und die Bedeutung der Menschen relativiert. Ein gegenseitiger Sog, eine Art "Pas de trois" zwischen Schwester, Bruder und den Bergen – mit einer starken Bildsprache, die wenig Dialog braucht, spannend, hoch erotisch. Ein unaufgeregter und intensiver Film über einen Tabubruch, der seine Grenzüberschreitung nicht eitel herausstellt, sondern als existentielle Erfahrung seiner Figuren begreiflich macht.

Der Preisträger: Lamento
Spielfilm, 86'. Regie: Jöns Jönsson, Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg

Saras Mutter errichtet mit verbissenem Willen einen Wall aus Routine und Alltagsritualen, hinter dem sie sich vor dem Schmerz um den Tod ihrer Tochter verschanzt. Mühsam und sehr langsam bahnt sich die Trauer einen Weg durch Verleugnung, Sprachlosigkeit und Schuldgefühle, und mündet in einen verstörenden Dammbruch. – Ein stiller, rätselhafter und sehr berührender Film über die Lügen und Geheimnisse, in die sich eine Mutter nach dem unfassbaren Verlust ihres Kindes einzuspinnen versucht. Filmisch ausgereift, mit kluger Bild- und Lichtgestaltung, leisen Tönen und sehr ungewöhnlichen Schauspielern (allen voran die großartige Gunilla Röör) beeindruckt "Lamento" vor allem durch eine erzählerische Reife, in der Intensität aus Einfachheit entsteht.

FIRST STEPS Ehrenpreis Rosa von Praunheim

Wir ehren den Filmemacher, Provokateur, Autor, Aktivist, Künstler und Menschen für eine Facette seines Lebenswerks, von der wir auch bei FIRST STEPS in den letzten Jahren oft profitieren durften: die Inspiration, die er als Mentor und Lehrer für jüngere Filmemacher darstellt.

Seinen Impulsen verdanken viele junge Filmemacher einen Durchbruch, ein Aha-Erlebnis, einen besonderen Film – Robert Thalheims "Netto" gehört ebenso dazu wie Axel Ranischs "Dicke Mädchen". Zum 70. Geburtstag schenkten ihm diese beiden und drei andere "Rosakinder" den gleichnamigen Film, in dem sie Rosas Einfluss auf ihr filmisches Werk reflektieren. Tom Tykwer etwa lernte von ihm, "dass ein Film durch das Herz des Filmemachers ins Hirn und wieder zurückgejagt werden muss", Chris Kraus liebt an ihm die "Schmerzen, die er zufügt und annimmt, erleidet und heilt" und Julia von Heinz glaubt, das sie ohne diesen "Mentor, der mir immer wieder das Leben rettet", keine Regisseurin wäre.

Rosa von Praunheims Lehrmethoden sind alles andere als pädagogisch, aber er vermittelt Dinge, die existentiell sind für das künstlerische Schaffen und Sein: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Angstfreiheit, die Bereitschaft, bis in die verborgenen Kammern der eigenen Seele zu blicken. Schnell und notfalls billig zu arbeiten und zu erzählen, ungeduldig zu sein, Ästhetik und Methoden des Undergrounds nicht zu verachten. Ein Bewusstsein für soziale Zusammenhänge entwickeln, Engagement als persönliche Bereicherung zu empfinden – sich für die Menschen zu interessieren und sie zu lieben.

Rosa von Praunheim scheint all dieses zu lehren, indem er es lebt.

Der FIRST STEPS Ehrenpreis würdigt Personen und Haltungen, die beispielhaft und unterstützend für den Filmnachwuchs sind. Zu den Preisträgern gehören u.a. Gerd Ruge, Helene Schwarz und die Redaktion "Das kleine Fernsehspiel".

Als Element eines Nachwuchspreises ist der Ehrenpreis aber natürlich auch verbunden mit der freudigen Erwartung auf künftige Werke. Wir sind sicher, auch in dieser Hinsicht wird Rosa von Praunheim uns nicht enttäuschen: Kaum hat er die 70 Filme zu seinem 70. Geburtstag fertig gestellt, da nimmt er schon vier weitere filmische Großprojekte in Angriff. Seinem Credo, dass alles möglich ist, bleibt er treu. Seine Leidenschaft für sehr lauten, aber recht unorthodoxen Gesang erklärte er kürzlich so: "Ich weiß nicht, was es ist – aber es kommt von Herzen!"

News

30.11.2018 

Sendehinweis

"Tackling Life" im ZDFWeiter

30.11.2018 

FIRST STEPS-Nominierte gewinnen Deutschen Kurzfilmpreis

"Rå" und "Räuber und Gendarm" mit Lola ausgezeichnetWeiter

22.11.2018 

Kulturpreis Vorarlberg 2018

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