Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Jurybegründungen 2014

Die Nominierungen in der Kategorie Kurz- und Animationsfilm

Erledigung einer Sache
Kurzspielfilm, 21'. Regie: Dustin Loose, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein Kammerspiel, basierend auf einer Kurzgeschichte von Håkan Nesser: Ein Mann soll zum ersten Mal seinem Vater begegnen, der seit fast 30 Jahren in der geschlossenen Psychiatrie lebt. Dabei kommt es zu einer fatalen Verwechslung. Die Auflösung vermutet man schon bald – aber den beiden großartigen Darstellern Ludwig Trepte und Robert Hunger-Bühler sieht und hört man trotzdem gebannt zu. Nicht zuletzt dank einer Kamera, die wie eine dritte Person während des Dialogs die Gesichter erforscht. Edel gefilmt und pointiert inszeniert, demonstriert dieser kurze Film musterhaft, wie wenig es braucht, um Zuschauer in den Bann zu ziehen.

Fürchtet euch nicht!
Kurzspielfilm, 15'. Regie: Marc André Misman, Kunsthochschule für Medien Köln

Ermutigende Orgelklänge begleiten die Heiligen Drei Könige, als sie sich aufmachen, um als Sternsinger für die Kinder in Afrika zu sammeln. Leider stößt ihr jugendlicher Enthusiasmus an den Türen der vorstädtischen Nachbarschaft nur selten auf Gegenliebe ("Ich bin Moslem!"). Und dann wird ihnen die Kollekte auch noch von bösen Jungs geklaut. Aber: Der Herr ist mit ihnen! – Drei liebenswerte Loser, ein lakonischer Humor und ein herzerfrischender Blick für die Peinlichkeiten des Lebens machen aus diesem Viertelstünder ein höchst charmantes Vergnügen.

Der Preisträger: Bär
Animationsfilm, 8'. Regie: Pascal Flörks, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein Diafilm über den Großvater. Aber statt des Großvaters sieht man immer nur, kunstvoll in die Dias hineininszeniert, einen lebensgroßen Bären. Der Bär zieht in den Krieg, der Bär altert rührend, der Bär ist brutal, der Bär ist gemütlich. Durch einen scheinbar kleinen, in Wirklichkeit genialen Kunstgriff wird uns das Leben des Großvaters näher gebracht als in vielen Dokumentationen und Spielfilmen zu der so deutschen und gleichzeitig zeitlosen Thematik, mit wem wir eigentlich zusammenleben. Täter und Verwundeter, geliebtes Familienmitglied und grausamer Fremder zugleich: "Bär" gelingt es, in knappen acht Minuten ein ganzes Leben in all seiner Widersprüchlichkeit zu erzählen.

Die Nominierungen in der Kategorie Mittellanger Spielfilm

Bruder
Spielfilm, 28'. Regie: Jarek Duda, Internationale Filmschule Köln

Endlich sieht Lukasz die Chance, als Schläger seinen Platz im Hamburger Milieu zu erobern – da stirbt seine Mutter und sein kleiner Bruder steht vor der Tür. Langsam entwickelt sich zwischen ihnen eine Beziehung, beim Großen blitzt ab und zu eine rührende Kindlichkeit auf, der Kleine guckt sich etwas von der Macker-Attitüde ab. Klugerweise vertraut dieser Milieufilm ganz auf die faszinierenden Gesichter der beiden Darsteller. Die Kamera bleibt an den Figuren, die Gesichter erzählen alles – man mag diese Brüder und wünscht ihnen ein Entkommen.

Nirwana
Spielfilm, 54'. Regie: Simon Dolensky, Internationale Filmschule Köln

Seit dem verheerenden Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch wissen es alle: Den Wanderarbeitern, von denen hier erzählt wird, verdanken wir unsere günstigen Textilien. Mit dokumentarischen Mitteln begleitet der Film den Aufbruch der beiden Tagelöhner vom Dorf in die Stadt, zeigt ihre Arbeitssuche, den Sklavenmarkt und ihre Reise an den Abgrund einer globalisierten Wirtschaft. So radikal, so nachtschwarz, so klaustrophobisch wie die Filmemacher diese Höllenfahrt inszenieren, wird sie für den Zuschauer zur körperlichen Erfahrung. – Auslöser dieses Films war eine Zeitungsmeldung, und wie ernst den Filmmachern ihr Anliegen war, spürt man in jeder Einstellung.

Nocebo
Spielfilm, 40'. Regie: Lennart Ruff, Hochschule für Fernsehen und Film München

Eine gefährliche Psychopharmaka-Studie scheint aus dem Ruder zu laufen und einer der Teilnehmer bricht aus, um Hilfe zu holen – aber niemand glaubt ihm, denn er leidet an paranoider Schizophrenie. Gibt es die Bedrohung wirklich, von der er spricht? Den Toten, das Mädchen, die Verfolger? Das ist spannend geschrieben und souverän umgesetzt. Selbstbewusst nutzen Inszenierung, Kamera und Musik die Mittel des Genres. Ein sehr gelungener Versuch, mit studentischen Mitteln einen Psychothriller zu erzählen – einen "Wahrnehmungs"-Thriller.

Porn Punk Poetry
Spielfilm, 41'. Regie: Maurice Hübner, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein einsamer Stricher lebt in seinem alten Ami-Schlitten, duscht im Regen, träumt von der Route 66. Zwischen den schnellen Ficks sind ihm irgendwann die Gefühle abhanden gekommen – bis er einer Russin begegnet, die direkt einem Märchen entsprungen scheint. Ein stimmungsvolles, wildes Portrait eines Außenseiters, anrührend in den Begegnungen: die Liebes- und Lebenssehnsucht seines iranischen Kollegen, die Einsamkeit eines alten Bauern, der ihn bucht, damit er an seinem 65. Geburtstag nicht alleine ist. Der Film wirft ungeschönte Blicke in die Stricherszene – und ist zugleich ein Märchen, das wir gerne glauben. Auch das ist Kino.

Der Preisträger: Musik
Spielfilm, 38'. Regie: Stefan Bohun, Filmakademie Wien

Ein Wohnungsbaubeamter macht Migranten Hoffnung auf bessere Unterkünfte und kassiert dafür Bestechungsgelder. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Tochter findet ihn peinlich, sein Haus wird zwangsversteigert: eigentlich ein schäbiger Versager. Dass wir trotzdem zunehmend Sympathie für ihn empfinden, liegt an der Balance, die der Film zwischen Tragik und (österreichischem) Humor hält. Ein fundiertes und genau recherchiertes Buch, pointierte Dialoge, komplexe Figuren, großartige Schauspieler, skurrile Einfälle, wunderbare Musik und eine Kamera, die so lange und so genau hinschaut, bis sich jedes Detail der heruntergekommenen Wohnungen erschließt: Aus scheinbar kleinen Geschichten entwickelt sich hier ein großes Gesellschaftspanorama, eine Erzählung aus der heutigen Welt.

Die Nominierungen in der Kategorie Abendfüllender Spielfilm

Anderswo
Spielfilm, 87'. Regie: Ester Amrami, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Noa reicht's: Berlin ist unerträglich! Kurzerhand fliegt sie zu ihrer Familie nach Israel. Aber im Irrsinn des israelischen Alltags und inmitten ihrer ständig streitenden Familie fühlt sich Noa bald ebenfalls nicht mehr zu Hause. – Ein bestens aufgelegtes israelisches Darsteller-Ensemble macht aus diesem Familienfilm ein intelligentes Vergnügen. Skurrile Interviews über unübersetzbare Wörter stehen für Noas unbeantwortbare Frage, wo ihre Heimat liegen könnte. Nicht zuletzt ist dies auch ein wieder sehr aktueller Film über die Beziehung zwischen Israelis und Deutschen, zwischen Deutschland und Israel – eben auch eine Art Familiengeschichte.

Backpack
Spielfilm, 81'. Regie: Thorsten Wenning, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein angehender Lehrer bricht sein Studium ab und geht auf Weltreise. Aber seine anfängliche Euphorie verfliegt schnell: Er wird bestohlen, findet keinen Anschluss, und im schwülen Menschengewimmel Jakartas übermannt ihn bald Einsamkeit. – Großartig verkörpert Sebastian Urzendowsky diesen jungen Mann, der sich auf seiner Reise immer hoffnungsloser in Isolation und Sprachlosigkeit verliert. Das Klischee vom Traveller, der durch exotische Kulissen backpackt, ohne die Welt dahinter je wahrzunehmen, wird hier aufgebrochen und unterlaufen. Ein melancholischer Film über einen, der sich selbst und der Welt langsam entgleitet.

High Performance – Mandarinen lügen nicht
Spielfilm, 100'. Regie: Johanna Moder, Filmakademie Wien

Zwei Brüder, erfolgreicher Jungunternehmer der eine, Off-Off-Bühnen-Schauspieler der andere – und zwischen ihnen eine smarte Software-Entwicklerin: Diese klassische Konstellation nutzt Johanna Moder als Basis für ihre kluge, realitätsnahe Tragikomödie, in der alle lügen (außer den Mandarinen, natürlich). Nebenbei geht es auch um prekäre Künstlerexistenzen, hierarchiefreie Gruppendynamik, die Weltwirtschaft und anderes. Sehr genau hat die Autorin und Regisseurin ihren Zeitgenossen zugeschaut und zugehört. Scharfsinnige Dialoge, facettenreiche Figuren und die nuancenreiche Darstellungskunst eines virtuos inszenierten Ensembles: die Leichtigkeit, mit der sich deutschsprachige Komödien oft so schwer tun – hier ist sie.

Zerrumpelt Herz
Spielfilm, 81'. Regie: Timm Kröger, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Zwei Männer und eine Frau wandern durch endlose Wälder. Sie wollen einen befreundeten Komponisten besuchen, der sich in eine abgelegene Hütte zurückgezogen hat. Aber ihr Gastgeber ist verschwunden, und die Wildnis ist voll von seltsamen Klängen. – Jedes Detail dieses Films atmet den Geist der 20er Jahre: die Sprache, die Ausstattung, der Mut zur Romantik, der Hang zum Mythos, sogar die Gesichter der Darsteller. Und doch ist er ganz reflektiert im Heute gemacht. Ein Werk, das aus der Zeit gefallen scheint, mit langen nachdenklichen Einstellungen, spätromatischer Musik und einer überaus sensiblen Bildgestaltung. Ein Film wie eine Partitur.

Der Preisträger: Los Ángeles
Spielfilm, 97'. Regie: Damian John Harper, Hochschule für Fernsehen und Film München

Ein Dorf im Süden Mexikos. Die meisten Männer arbeiten illegal in den USA, und auch der 17-jährige Mateo wird nach Los Angeles gehen. Um in der " gefährlichsten Stadt der Welt" zu überleben, schließt er sich der lokalen Gang an. Zu spät erkennt er, auf was er sich da eingelassen hat. – Wir tauchen ein in die Lebenswirklichkeit einer Gemeinschaft zwischen zapotekischer Tradition und den modernen Einflüssen, die die Arbeitsmigranten aus den USA mitbringen. Die zentralen Werte verkörpern die Mütter, die dem Film seine aufwühlendsten Momente schenken. Der Regisseur hat ihn mit der Dorfgemeinschaft entwickelt, die großartigen Darsteller spielen sich selbst – jede Einstellung wirkt hier wahrhaftig. Ein Film mit Haltung und Anliegen, für den Damian John Harper einen extrem eigenständigen Stil gefunden hat.

Die Nominierungen in der Kategorie Dokumentarfilm

Balazher. Korrekturen der Wirklichkeit.
Dokumentarfilm, 29'. Regie: Lesia Kordonets, Zürcher Hochschule der Künste

Ein Film über einen Bus. Ein fragiles fahrbares Gehäuse im schneereichen Winter an der östlichen Außengrenze der EU. Es erklingt ein sozialistisches Lied. Der Busbahnhof, wo früher tausende Fahrscheine pro Tag verkauft wurden, steht leer. An der Haltestelle hängen die Fahrgäste ihren Hoffnungen und Erinnerungen nach. Der Mann, der den maroden Bus repariert, träumt von Kaninchen. Und immer wieder legen sich Konstruktionsskizzen wie aus einem kommunistischen Planungsbüro auf das Bewegtbild, um es zu prüfen. So entsteht ein Film über die Wärme der Träume, der Hoffnungen, der Erinnerung. Denn sind es nicht unsere Träume, mit denen wir die Wirklichkeit korrigieren?

Bintou
Dokumentarfilm, 64'. Regie: Simone Catharina Gaul, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Bintou ist Anfang 20, arbeitet als Schneiderin in Burkina Faso und träumt von einer Karriere als Modeschöpferin. Auf den ersten Blick lebt sie sorglos, erledigt Aufträge für Touristen und besucht Partys von Entwicklungshelfern. Doch warum muss ihre dreijährige Tochter im Kinderheim leben? Die Filmemacherin versucht sich diesem Geheimnis anzunähern und dokumentiert mit langem Atem, wie Bintou widerstrebend ihre Mutterrolle annimmt. Die elegant geführte Kamera wird geschickt mit Bintous Videotagebuch montiert, und so entsteht das liebevoll-charmante Portrait einer jungen Afrikanerin zwischen Tradition und Moderne.

Nirgendland
Dokumentarfilm, 73'. Regie: Helen Simon, Hochschule für Fernsehen und Film München

Drei Generationen spielen heile Familie, bis Mutter und Tochter ihr Schweigen brechen. Der Peiniger, das großväterliche Familienoberhaupt, kommt vor Gericht, wird freigesprochen, die Tochter aber kann damit nicht weiterleben. Mit reduzierten Mitteln nähert sich die Filmemacherin dem schrecklichen Familiengeheimnis. Die Mutter offenbart nach jahrelangem Verdrängen ihr eigenes Schicksal und ringt mit ihren Schuldgefühlen gegenüber der toten Tochter. Dieser  Film über das kollektive Wegschauen zwingt uns in eindringlicher Klarheit, genau hinzuschauen. Selten haben wir die nachhaltigen Zerstörungen, die Missbrauch und das Verdrängen anrichten, so intensiv erlebt.

Padrone e Sotto – Herr und Knecht
Dokumentarfilm, 72'. Regie: Michele Cirigliano, Zürcher Hochschule der Künste

Das Karten- und Trinkspiel, mit dem die Männer in einer kleinen süditalienischen Bar sich die Zeit vertreiben, funktioniert nach unverständlichen Regeln und dient dazu, die Machtverhältnisse zwischen den Spielenden immer neu zu ordnen. Der Landwirt, der Aushilfsveterinär, der Oliven anbauende Fabrikarbeiter oder der in den Heimatort zurückgekehrte Emigrant – es ist ein Blick auf Gescheiterte und Enttäuschte in einer strukturschwachen Randregion Europas.  Wer seine Würde zu verlieren droht, erstreitet sie sich beim Spiel. Dann gehen die Männer gemeinsam zur Jagd. Nur die Barbesitzerin durchschaut das Spiel und weiß, dass es ein Abbild der Wirklichkeit ist.

Der Preisträger: Die Menschenliebe
Dokumentarfilm, 99'. Regie: Maximilian Haslberger, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Zwei behinderte Männer auf der Suche nach Sex. Wollen wir das sehen? Ja – wir wollen. Das radikale Konzept dieses Filmes macht's möglich. Zwei stilistisch ganz unterschiedliche Teile deklinieren zahlreiche Facetten des obsessiven Verlangens nach selbstbestimmter Sexualität durch. Die Filmemacher begleiten den geistig behinderten Jochen und den Rollstuhlfahrer Sven auf ihrem beharrlichen Weg ihr Begehren leben zu können. Die Kamera bewegt sich dabei mit Wucht, Intimität und ohne Scham zwischen Inszenierung und dem daraus folgenden Einbruch der Wirklichkeit. Ein Manifest gegen die gesellschaftliche Tabuisierung behinderter Sexualität – und zugleich ein aufregender Film über die Sehnsucht nach Liebe.

Die Nominierungen in der Kategorie Werbefilm

Anmerkung der Werbefilm-Jury: Das Spektrum an Einreichungen war im Jahr 2014 so vielfältig wie selten. Neben unterschiedlichsten Inhalten hat uns auch die Tatsache begeistert, dass Studenten von neun verschiedenen Hochschulen in diesem Jahr ihre Kreativmuskeln haben spielen lassen. Das Interesse am "Werbung machen" scheint also sprichwörtlich Schule zu machen.

Finde dein Schicksal
Werbefilm, 90''. Regie: Theo von Asmuth, Hochschule Darmstadt

Gewinner stehen nach Niederlagen wieder auf. Sie reißen Barrieren ein, verlieren ihr Ziel nie aus den Augen. Rückschläge machen sie nur stärker. Die Story ist nicht neu, wurde aber selten so mitreißend inszeniert. Der Spot erzählt sehr einfühlsam die Geschichte eines jungen Sportlers, der sich aus einfachsten Verhältnissen heraus eine Profikarriere erkämpft. Die bildgewaltige Atmosphäre lässt uns den Atem stocken. Inspirierende Werbung auf einem Niveau, wie sie auch Nike oder adidas gut zu Gesicht stünde.

Gib der Liebe eine Chance! (Ohropax)
Werbefilm, 60''. Regie: Christoph Schuler, Hochschule für Fernsehen und Film München

Eine klassische Szene wie aus einem amerikanischen Highschool-Film: das erste Date, die Ankunft vor dem Haus der Angebeteten, die Schwiegereltern in spe. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren! Dass ausgerechnet der Vater dem Verehrer seiner Liebsten die entscheidende Zutat für den Erfolg des ersten Dates in die Hand drückt, macht den Spot so herrlich humorvoll. Ein Paradebeispiel für die überraschende Inszenierung von Produkt und Produktnutzen. Safer Sex ist auch nicht alles.

Klassentreffen (Hofbräu München)
Werbefilm, 55''. Regie: Sebastian Stojetz, Hochschule für Fernsehen und Film München

Das erste Wiedersehen zehn Jahre nach dem Abi. Eine laue Sommernacht, alte Freunde schwelgen in Erinnerungen. So manche Klassenkameradin erscheint da vielleicht in einem neuen Licht. Das Objekt der Begierde befindet sich in greifbarer Nähe – doch einer muss den ersten Schritt wagen. Für ein kühles Blondes müssen eben Opfer erbracht werden. Der treffsichere Einsatz von Humor ist eine Herausforderung, aber der Regisseur besteht sie mit Bravour. Produkt und Lebenswelt passen hier perfekt zusammen. Prost!

Rugbybugs (FMX)
Werbefilm, 95''. Regie: Matthias Bäuerle, Fabian Fricke, Emanuel Fuchs, Martin Lapp, Carl Schröter, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Eine Libelle schwebt ins Bild. Mit den Füßen transportiert sie einen leuchtend roten Baustein. Sie lässt ihn fallen und das Dickicht erwacht zum Leben. Ein tosender Wasserfall, ein hohler Baumstamm, kein Hindernis scheint zu groß. Unaufhaltsam bahnen sich die Käfer ihren Weg, um das fehlende Puzzleteil des FMX-Logos an sein Ziel zu befördern. Was hier spielerisch einfach aussieht, ist hohe Kunst. Das Regieteam um den Spot "Rugbybugs" versteht sein Handwerk. Für Inszenierung und VFX-Effekte gibt’s die Bestnote. Pixars großes Krabbeln haben wir längst vergessen. Touchdown!

Der Preisträger: Save Your Skin (LUX)
Werbefilm, 66''. Regie: Andreas Bruns, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Die vielfältige Einsetzbarkeit von Seife ist hinlänglich bekannt. Selbst Brad Pitt hat sich in Fight Club damit seine Brötchen verdient. Dass man mit Seife aber auch Serienkiller zur Strecke bringen kann, war uns neu. Der Regisseur entführt uns in "Save Your Skin" auf einen kurzen, aber intensiven Horrortrip. Der hohe Production Value tropft nahezu aus jedem Bild. Gekonnt gesetzte Schnitte bauen eine immense Spannung auf, der Killer hat Hollywood-Niveau. Kurz bevor man sich die Augen zuhalten möchte, sorgt das inszenierte Produkt für einen humorvollen Twist. Nie hat eine Seife besser die eigene Haut geschützt.

Die Nominierungen für den NO FEAR Award

Anmerkung der Jury zur Auswahl für den NO FEAR Award: In der freien Wirtschaft kann ein Produzent mit einem Film untergehen. Ein Produktionsstudent kann scheitern, verlieren – aber was bedeutet persönliches Risiko in einem studentischen Kontext? Diese Frage muss in jedem Jahr neu beantwortet werden, wenn es um die Nominierungen für den NO FEAR Award geht.

Die Frau hinter der Wand
Spielfilm, 90'. Produktion: David Keitsch, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Ein anspruchsvoller Psychothriller mit angemessener Ausstattung, mit Stunts, Sexszenen und Special Effects sollte es werden – allerdings unter den Rahmenbedingungen einer Fernsehfolge, mit dem Budget eines Abschlussfilms und unter enormem Zeitdruck hergestellt: Der Produktionsstudent David Keitsch hatte sich für seinen Abschlussfilm einiges vorgenommen. Im Spagat zwischen produktionell Möglichem und inhaltlichem Anspruch ist dabei eine eigenständige, intelligente, auch augenzwinkernde Variante eines Horrorfilms entstanden, mit einer herausragenden Kamera, oft nur in Andeutungen auf mehreren Ebenen angelegt, gruselig und voller Überraschungen.

Lost Place
Spielfilm, 101'. Produktion: Lena Vurma, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Ein Mystery-Thriller in 3D, mit einem Etat von 1,8 Millionen, von einem großen Verleih mit 80 Kopien ins Kino gebracht und entsprechend aufwändig gedreht: Das ist natürlich kein üblicher Hochschulfilm, und tatsächlich sind hier auch keine Hochschulgelder geflossen. Aber die Produktionsstudentin Lena Vurma hat mit ihrem Abschlussfilm alles riskiert und hätte im großen Stil scheitern können: komplizierte Finanzierungswege, eine Doppelrolle als Produzentin und Regieassistentin, brandneue Bild- und Tontechniken... Ideenreich und unerschrocken hat diese junge Frau fast ohne Unterstützung einer Hochschule ihren ersten Kinospielfilm verwirklicht. Ihr nächster ist schon in Arbeit.

Der Preisträger: Backpack
Spielfilm, 81'. Produktion: Sebastian Cordes, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Vier Absolventen nutzen ein letztes Mal die Freiräume des Studiums, entscheiden sich gegen die Sicherheit eines schon finanzierten Abschlussprojekts und nehmen sogar das Risiko in Kauf, ohne Film zurückzukommen. In sehr kurzer Zeit entwickeln sie ein Drehkonzept, das auf ihren schmalen Etat zugeschnitten ist und brechen mit einem Treatment nach Indonesien auf. Trotz erheblicher Hindernisse gehen sie ihren Weg konsequent zu Ende und kommen mit einem überzeugenden abendfüllenden Spielfilm zurück. – Dass Leidenschaft und Teamarbeit trotz kleinstem Budget zu einem großen Ergebnis führen können, ist eine Erfahrung, die sich in einem zunehmend unkalkulierbaren Markt als unschätzbar erweisen könnte.

Die Nominierungen für den Michael-Ballhaus-Preis

Anmerkung der Jury zur Auswahl für den Michael-Ballhaus-Preis: Eine gute Kamera geht Hand in Hand mit der Regie, sie ist Teil des Ensembles wie die Schauspieler. Gerade bei den nominierten Filmen hatten wir den Eindruck, dass gemeinsame Konzepte entwickelt wurden.

Backpack
Abendfüllender Spielfilm, 81'. Kamera: Pedram Noutash, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Der Kameramann Pedram Noutash erzählt mit einfühlsamen und zugleich einprägsamen Bildern die Agonie eines im fernen Ausland gestrandeten jungen Mannes. Beeindruckend eingefangen sind seine zunehmend ziellosen Gänge durch die Megacity Jakarta, das Halbdunkel des Dschungels, das düstere Paradies der Strandbilder. Vorhandene Lichtquellen werden geschickt für stimmige Kadrierungen genutzt, in denen sich die Darsteller frei entfalten können. Die exotischen Motive spielen eine gewichtige Rolle für den Gemütszustand des Protagonisten, schieben sich aber trotz aller pittoresken Verführung nie vor das kluge psychologische Drama.

Der Wald ist wie die Berge
Dokumentarfilm, 101'. Kamera: Christiane Schmidt, Hochschule für Fernsehen und Film München

Über ein Jahr lang begleiteten die Filmemacher die Bewohner eines rumänischen Dorfes in ihrem Alltag. In den atmosphärischen Bildern der Kamerafrau Christiane Schmidt spürt man ihre Freude am genauen Hinsehen ebenso wie ihre Nähe zu den Protagonisten. Ihr Kamerablick auf die Gesichter und die Landschaften ist oft von wunderbarer Zärtlichkeit und Schönheit, obwohl ihre Bilder auch immer wieder von bedrückender Armut erzählen. So entsteht aus der liebevollen Betrachtung dörflichen Lebens das außergewöhnliche Portrait einer Roma-Gemeinschaft.

Musik
Mittellanger Spielfilm, 38'. Kamera: Klemens Hufnagl, Filmakademie Wien

Dieser Film rückt der Wirklichkeit auf den Leib. Die Kameraarbeit von Klemens Hufnagl beeindruckt durch die Reduktion auf das Wesentliche und eine selbstbewusste Kadrage. Eindringliche Tableaus von Immigranten-Familien erinnern an August Sander. Vieles findet außerhalb des Bildes statt, wir hören es nur, ergänzen, was wir nicht sehen. Kamera und Regie bilden eine Symbiose in Bezug auf die minimalistische, lakonische Interpretation der Geschichte und die Kunst des Weglassens üblicher Erzähltechniken: mutig und in sich stimmig.

Nirwana
Mittellanger Spielfilm, 54'. Kamera: Fabian Klein, Internationale Filmschule Köln

Mit seinem dokumentarisch anmutenden und unaufdringlichen Kamerastil gelingt es Fabian Klein sehr schnell, Empathie für die beiden Wanderarbeiter aus Bangladesch zu erzeugen und glaubwürdig ihre Lebensumstände und Not zu zeigen. Mit präzisem Blick für Detail und Milieu nimmt der Film die Welt in ihrer Materialität ernst, erzählt sie aber zugleich mit den Mitteln des Kinos. Der Mut und die filmtechnischen Fertigkeiten, mehr als die Hälfte der Filmlänge in einem nahezu stockdunklen Container mit den beiden Hauptdarstellern zu verbringen und dennoch den Zuschauer stetig mehr in den Bann zu ziehen, sind bewundernswert.

Der Preisträger: Porn Punk Poetry
Mittellanger Spielfilm, 41'. Kamera: Julia Hönemann, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Die Kamerafrau Julia Hönemann fotografierte bisher überwiegend Dokumentarfilme. Um so auffälliger ist hier ihr guter Blick für besondere Bildkompositionen, die nie Selbstzweck sind, sondern immer die Geschichte vorantreiben und die Darsteller in ihrer Charakterzeichnung unterstützen. Vorhandenes Licht nutzt sie intelligent und einfühlsam. Ihre Lichtgestaltung, besonders in nächtlicher Umgebung, unterstützt auf besondere Art und Weise die märchenhafte Anmutung dieser Geschichte. Eine wunderbare Arbeit einer jungen Kamerafrau.

News

18.09.2017 

FIRST STEPS Awards 2017

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18.09.2017 

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