Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Jurybegründungen 2015

Die Nominierungen in der Kategorie Kurz- und Animationsfilm

Herman The German
Kurzspielfilm, 15'. Regie: Michael Binz, Kunsthochschule für Medien Köln

Herman ist Bombenentschärfer, und er liebt seinen Beruf mindestens so sehr wie Schnitzeltorte, die „Königsdisziplin der kulinarischen Fleischküche“. Aber dann kommt ihm die Angst abhanden, und er muss schnellstens seiner Zentralphobie auf die Spur kommen. – Lustvoll stürzt sich Gustav Peter Wöhler in die Rolle des Mannes, der alle 347 von Anke Engelke als schön verkniffener Spezialistin im Lehrbuch gesammelten Phobien am eigenen Leib erprobt. Eine kurzweilige Komödie, in deren Zentrum die ausgefallensten, zum Großteil tatsächlich existierenden Phobien stehen. Das ist skurril, witzig und stilistisch auf hohem Niveau erzählt.

Inland
Kurzspielfilm, 20'. Regie: Piet Baumgartner, Zürcher Hochschule der Künste

Der Nigerianer Justin ist seit Jahren mit einer Schweizerin verheiratet, hat einen Schweizer Pass und arbeitet als Koch in einem Restaurant. Als er in Verdacht gerät, mit Drogen zu handeln, zerfällt sein gesichertes Dasein mit einem Schlag. – Das Thema Fremdenfeindlichkeit wird hier aus der Perspektive der Tochter beleuchtet (eindrucksvoll verkörpert von der jungen Rabea Egg), die vorbehaltlos zu ihrem Stiefvater steht und gegen die Absurdität einer Rechtslage aufbegehrt, die diesen Namen nicht verdient. Wieso kann eine legal ausgehandelte Lüge richtiger sein als die Wahrheit, wieso darf so etwas überhaupt in einem Rechtsstaat passieren? Nach einer wahren Begebenheit unprätentiös und glaubwürdig erzählt.

Roadtrip
Animationsfilm, 22'. Regie: Xaver Xylophon, Kunsthochschule Berlin Weißensee

Ein schlafloser Held driftet durch die Tristesse des Berliner Sommers. Der joggende Rentner von nebenan rät zu Yoga und schießt mit Wasserpistolen auf Tauben, die schöne Barfrau schenkt ihm einen Joint. Eine Reise muss her, einfach das alte rote Motorrad reparieren und losfahren! Aber irgendwas kommt immer dazwischen ... Dieser großartig illustrierte und „inszenierte“ Animationsfilm ist bis in die Tonebene gelungen – ein lakonisches Sommermärchen mit vielen unbeantworteten Fragen ans Leben, ein Roadmovie, das nicht vom Fleck kommt, ein schönes Scheitern ... Vielleicht ist Schlafen ja wirklich überbewertet?

Schuld um Schuld
Kurzspielfilm, 23'. Regie: Viviane Andereggen, Hamburg Media School

Nach dem Überfall auf eine kleine Goldschmiede erschießt der Besitzer den Täter, der mit seinem Komplizen auf einem Motorrad flieht. Das Gericht spricht den Juwelier frei, weil er in Notwehr gehandelt habe. – So weit basiert der Film auf einer wahren Begebenheit. Aber die Filmemacherin interessiert sich für das, was danach kommt: Mit-Täter und Opfer kennen einander, und sie wissen, dass sie beide schuldig sind. Der Film konzentriert sich auf das Duell, das die beiden herausragenden Darsteller Christian Redl und Edin Hasanovic mit allen Mitteln austragen – unterstützt von einer Kamerafrau, die sich gekonnt zwischen dokumentarischem Stil und sorgfältig ausgeleuchteten Schauspielszenen bewegt.

Der Preisträger: Sadakat
Kurzspielfilm, 25'. Regie: Ilker Çatak, Hamburg Media School

Die Röntgenassistentin Asli führt mit Mann und Kind ein komfortables bürgerliches Leben in Istanbul. Als sie aus einem spontanen Impuls heraus einen Demonstranten im Krankenhaus versteckt, wird sie von der Polizei unter Druck gesetzt. Obwohl sie eigentlich ein unpolitischer Mensch ist, will sie nicht zur Verräterin werden. Und dafür riskiert sie alles, auch die Sicherheit ihrer Familie. – Mit beeindruckendem Tempo und virtuosen Mitteln erzählt der Film von dem entscheidenden Moment im Leben dieser Frau, deren Widerstandsgeist erwacht, weil sie nicht in einem Land leben will, das andere verfolgt und unterdrückt. Großes Kino in 25 Minuten.

Die Nominierungen in der Kategorie Mittellanger Spielfilm

Die Ballade von Ella Plummhoff
Spielfilm, 29'. Regie: Barbara Kronenberg, Kunsthochschule für Medien Köln

Zu Beginn der Sommerferien erhält Ella Plummhoff von ihrer Freundin eine theoretische Einführung ins Küssen und begibt sich auf die Suche nach der Liebe. Ihr Ballettlehrer, ein Paradiesvogel mit französischem Akzent, scheint dafür perfekt geeignet. Eine romantische Liaison liegt in greifbarer Nähe – wäre da nicht ihre Nachhilfelehrerin, ein 13- jähriges Supertalent mit einer Passion für Wolkenstudien. Der erste Kuss findet statt, aber anders als erwartet, die Liebe ist kein Pas de deux, und es ist auch nicht wirklich Francoise Hardy, die dazu singt. – Liebevoll begleitet dieses stilbewusst ausgestattete Märchen seine eigenwilligen Protagonistinnen durch einen surrealen Teenagersommer.

Fremdkörper
Spielfilm, 59'. Regie: Christian Werner, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ganz schnell sind wir mittendrin in der Geschichte über einen deutschen Unternehmer, der sich in der Türkei illegal eine Niere einpflanzen ließ. Die Spenderin will ihn erpressen, er folgt ihr aus dem Bilderbuch-Istanbul in immer verwahrlostere Viertel und damit auch in das Drama einer Ukrainerin und die kriminellen Machenschaften illegaler Organhändler. Broken English ist die Verständigungssprache zwischen den beiden Welten. – Im Gesicht des Hauptdarstellers Thorsten Merten spiegeln sich die widersprüchlichsten Gefühle, von der Entschlossenheit des wohlhabenden Westeuropäers, sich nicht erpressen zu lassen, bis hin zu Schuld- und Mitgefühl. Ein großes Thema, in nur 60 Minuten spannend erzählt, außergewöhnlich fotografiert und überzeugend inszeniert.

I Remember
Spielfilm, 30'. Regie: Janna Ji Wonders, Hochschule für Fernsehen und Film München

Kalifornien: zwei 17-jährige Freunde in den Ferien. Der Ozean rauscht, das Licht ist gleißend, die Hitze förmlich spürbar. Kiffen, Musik hören, mit den Freunden abhängen: ein zeitloser Traum – bis die geheimnisvolle Nachbarin auftaucht. Plötzlich verändert sich das Leben der beiden Jungen, Wahrheit und Wahnvorstellung sind nicht mehr unterscheidbar. Die Liebe und ihr zerstörerisches Potential, Rivalität und Eifersucht sind hier in ein großes flirrendes Kinoerlebnis übersetzt, in Sound, Bilder und Licht. An dieser Küste drehte schon Alfred Hitchcock, und sie ist so wunderschön und so bedrohlich, dass man sich ein über die Wellen laufendes Liebespaar durchaus vorstellen kann ...

Liebling
Spielfilm, 42'. Regie: Sebastian Schmidl, Filmcollege Wien

Ein Paar trennt sich, das halb renovierte Haus muss verkauft werden und der alte Vater ins Heim. Ein letztes gemeinsames Wochenende zu dritt, voller ambivalenter Gefühle, Liebe und Verachtung, grotesk und qualvoll. Ihr ist einfach die Liebe abhanden gekommen, das macht sie so ratlos wie ihn unglücklich. Beobachtend, nicht wertend, zeigt der Film den Kraftakt einer Trennung. Lange stille Tableaus, konzentriertes Schauspiel. Das Haus ist der vierte Mitspieler, außen eine morastige Baustelle, innen voller Erwartung auf ein harmonisches Zusammenleben. Und als am Ende keiner mehr aus dem großen Panoramafenster in die schöne Natur schauen mag, ist es nur noch eine begehrte, sinnentleerte Immobilie.

Der Preisträger: Alles wird gut
Spielfilm, 30'. Regie: Patrick Vollrath, Filmakademie Wien

Schon in den ersten Minuten ist unübersehbar, welche Verzweiflung in diesem Vater wohnt, der sein Kind zum gemeinsamen Ausflug abholt und die Mutter und deren neuen Freund keines Blickes würdigt. Dieser Mann hat etwas vor, und schnell bemerkt das auch seine kleine Tochter, die zunächst vergnügt und zutraulich ist, dann allmählich immer verstörter und verängstigter wird. – Stets auf Augenhöhe mit seiner kleinen Protagonistin begleitet der Film den stillen Amoklauf eines Vaters und die viel zu frühe Desillusionierung seiner kleinen Tochter. Patrick Vollrath, der für Buch, Regie, Schnitt und Produktion verantwortlich ist, weiß genau, was er erzählen will. Unterstützt wird er dabei von einer sensiblen, dynamischen Kamera und zwei großartigen Schauspielern: Simon Schwarz und Julia Pointner.

Die Nominierungen in der Kategorie Abendfüllender Spielfilm

After Spring Comes Fall
Spielfilm, 92'. Regie: Daniel Carsenty, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Die Syrerin Mina ist aus dem umkämpften Damaskus geflohen, lebt illegal in Berlin und schickt ihrem verletzten Mann Geld. Der syrische Geheimdienst spürt sie auf, foltert und erpresst sie, Oppositionelle auszuspionieren. Das Drama entwickelt sich ganz aus der aktuellen Situation, führt drastisch den Begriff „Parallelwelten“ vor Augen und ist so dringlich wie das Flüchtlingsthema selbst: Mina lebt unter uns, illegal und ungeschützt. Eine verzweifelte Frau muss aus ihrer Heimat fliehen und wird in dem Land, in dem sie Zuflucht sucht, wieder verfolgt und endgültig gebrochen. Der Film macht aus der hochaktuellen Problematik fast einen Politthriller – und bleibt dabei konsequent seiner großartigen Hauptfigur treu.

Glutnester
Spielfilm, 82’. Regie: Katja Sambeth, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Nach dem Tod des Vaters ziehen Mutter und Tochter in ein Kaff an der Ostsee. Die 15-jährige Jenny muss soziale Arbeitsstunden im Jugendzentrum leisten. Schon bald zieht sie mit den anderen Jugendlichen um die Plattenbauten, wird für die Kleineren eine beschützende große Schwester. Jorinde Lea Miller als Jenny kann so stolz schweigen und so fröhlich mit den Kindern lachen, dass es einem das Herz wärmt. Glaubwürdig und mit berührender Nähe zu den jungen Protagonisten schildert der Film das Milieu: resignierte und gewalttätige Erwachsene, vernachlässigte und missbrauchte Kinder. Aber das ist das große Wunder dieses Films: Eine unglaubliche, positive Energie geht von diesen Kindern aus, die gemeinsam in eine ungewisse Zukunft ziehen.

Schau mich nicht so an
Spielfilm, 88'. Regie: Uisenma Borchu, Hochschule für Fernsehen und Film München

Die exzentrische Hedi lernt die kleine Tochter ihrer Nachbarin kennen, dann die Nachbarin Iva selbst. Aus Freundschaft wird eine Affäre – bis Ivas Vater (Josef Bierbichler) auftaucht. – Ein über weite Strecken improvisierter Film, dessen zentrale Figur (gespielt von der Regisseurin Uisenma Borchu selbst) auf provozierende Weise mit Rollenerwartungen und Geschlechterklischees spielt. Eine skrupellose, exhibitionistische und manipulative Anti- Heldin, die die beschützende Mutterrolle ebenso verweigert wie die der treuen Geliebten, die ihre Liebhaber morgens vor die Tür setzt und ihre Freundin sitzen lässt, weil sie deren Vater attraktiver findet.

Streichelzoo
Spielfilm, 93'. Regie: Micah Magee, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Die 17-jährige Schülerin Layla hat gerade die Zusage für ein College-Stipendium bekommen – da wird sie schwanger. Schnell wird klar: Hilfe kann sie weder von ihrer Familie noch vom Staat erwarten. – Im strenggläubigen texanischen San Antonio gibt es jährlich 4000 Teenager-Schwangerschaften. Die Regisseurin stammt von dort, sie weiß, wovon sie erzählt. Souverän integriert sie die Fiktion in das reale Umfeld. Mit sparsamen Dialogen und einer empathischen Kameraführung begleitet sie ihre Protagonistin während der kurzen Zeit, die über ihr weiteres Leben entscheiden wird. Der Entschlossenheit, Zähigkeit und Einsamkeit dieses selbst noch kindlichen Geschöpfs verleiht Devon Keller eine unvergesslich anrührende Präsenz.

Der Preisträger: Ma Folie
Spielfilm, 99'. Regie: Andrina Mračnikar, Filmakademie Wien

Auf einer Parisreise trifft Hanna den Musiker Yann – eine „amour fou“ auf den ersten Blick. Yann schickt ihr leidenschaftliche gefilmte Liebesbotschaften, folgt ihr schließlich nach Wien, wo Hanna als junge Psychologin mit kriegstraumatisierten Kindern arbeitet. Doch Yanns krankhafte Eifersucht macht ihn zum Stalker, seine Videobriefe werden bedrohlich, Hannas Wirklichkeit verwandelt sich in einen immer unwirklicheren Alptraum. – Der intelligent gebaute Psychothriller spielt mit verschiedenen Ebenen und Spiegelungen, mit Zitaten vom Hollywood-Melodram bis zu Luis Buñuel. In diesem Ringen um Wahrheit und Täuschung weiß auch der Zuschauer am Ende nicht mehr, was er wirklich gesehen hat und was nicht. Und so lautet der zentrale Satz: „Kannst du nicht einfach die Wahrheit sagen?“

Die Nominierungen in der Kategorie Dokumentarfilm


Am Kölnberg
Dokumentarfilm, 89'. Regie: Robin Humboldt (mit Laurentia Genske), Kunsthochschule für Medien Köln

Die Filmemacher zieht es nicht in die Ferne, sondern vor die eigene Haustür. Hier entdecken sie die für viele fremde Welt einer Kölner Hochhaussiedlung. Sie ziehen selbst dort ein und beobachten neugierig und nah, aber respektvoll und ohne jemals voyeuristisch zu sein. Ihre Protagonisten sind klug ausgewählt, sie werden nicht vorgeführt und auch nicht auf ihr Scheitern reduziert. So entsteht ein naher, stellenweise auch humorvoller, aber immer würdevoller Blick auf das Innenleben eines sozialen Brennpunktes und der Menschen, die dort leben.

Coming And Going
Dokumentarfilm, 89'. Regie: Tianlin Xu, Freie Einreichung

Im ländlichen China wachsen Kinder ohne Eltern auf, weil diese in der Stadt Geld verdienen müssen. Der Film gibt den Blick frei auf Armut, Entfremdung, Schutz- und Lieblosigkeit. Aber er zeigt auch eine so gut funktionierende dörfliche Gemeinschaft, dass die zwischen Stadt und Land pendelnden Jugendlichen oft nicht wissen, wo sie lieber sind. Stimmungsvolle Bilder und klug montierte Szenen erschließen ohne große Worte den Zusammenhang zwischen globalisiertem Konsum und einer unbehüteten Kindheit als Kollateralschaden wirtschaftlicher Entwicklung. Mit Empathie und Wärme nähert sich die Regisseurin den scheinbar ungebrochenen Protagonisten. Ihr unvoreingenommener Zugang erlaubt uns einen außergewöhnlich nahen Blick auf China.

Familienbruchstück
Dokumentarfilm, 60'. Regie: Natalie Pfister, Zürcher Hochschule der Künste

Ein ungewöhnlicher Film über etwas Gewöhnliches: die Trennung des Vaters von der Mutter. Die Familie ist zerstört. Die Idee, überraschend und einfach: Vier hervorragend inszenierte Schauspieler rekonstruieren sieben Jahre später in Einzel-Monologen diese für alle Beteiligten prägende Phase, als wäre es ihre eigene Geschichte. Wir dürfen dabei sein, wenn die echten Familienmitglieder – Vater, Mutter und die beiden mittlerweile erwachsenen Kinder – mit den Erinnerungen der anderen konfrontiert werden und sich immer wieder gegenseitig überraschen. „Warum haben wir eigentlich früher nicht so miteinander geredet?“, ruft uns der Film auf kunstvolle Weise entgegen und lässt Raum für den eigenen „Film im Kopf“.

The Long Distance
Dokumentarfilm, 93'. Regie: Daniel Sager, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Wie weit ist Eldoret in Ostafrika von der westdeutschen Provinz entfernt? Junge Kenianer trainieren im Morgenlicht, während ein deutscher Sportmanager sich zu ihnen chauffieren lässt. Die besten Athleten wird er unter Vertrag nehmen, damit sie bei europäischen Marathonläufen Preise gewinnen. Der Film untersucht den Läuferhandel aus beiden Perspektiven. Was erstmal einfach klingt, entwickelt sich zu einer entlarvenden Studie über gemeinsame Ziele und interkulturelle Abgründe, über Träume und Selbstausbeutung, Einzelschicksal und globales Geschäft. Das Bild, das dabei entsteht, weist weit über die Sportveranstaltung hinaus.

Der Preisträger: Hinter dem Schneesturm
Dokumentarfilm, 91'. Regie: Levin Peter, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Die Entdeckung eines Fotoalbums aus dem Kriegsjahr 1943 lässt den Filmemacher einen Dialog mit dem Fotografen dieser Aufnahmen versuchen: seinem Großvater. Dieser blickt stumm aus dem Fenster. Hin und wieder entfahren ihm leise Schreie. Lange wissen wir nicht, ob er seinem Enkel nicht antworten will oder kann. „Hinter dem Schneesturm“ erzählt beharrlich vom mühsamen Prozess des Erinnerns eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten. Und lässt uns den Filmemacher an den Ort der abgelichteten Augenblicke begleiten: nach Mariupol in der Ukraine. Ein verstörender Film vom schwierigen Umgang mit unserem „braunen Erbe“, über den Versuch ein lang gehegtes Geheimnis zu lüften, über Verschweigen und Schuld siebzig Jahre nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Nominierungen in der Kategorie Werbefilm

Auster
Werbefilm, 58''. Regie: Carl Krause, Dominik Stockhausen, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Der Wunsch, die Welt einmal durch Kinderaugen zu sehen, wird im Spot „Auster“ unverhofft Realität. Der plötzliche Twist ist mindestens so überraschend und überbordend wie die kindliche Fantasie an sich. „Igitt“ denkt sich der Junge und schiebt die exquisite Muschel weg, um Sekunden später schon vollen Mutes gegen ein schleimiges Ungeheuer anzutreten. Beim Branchenprimus Pixar greifen sie mit Sicherheit bald zum Hörer. Der Spot macht im wahrsten Sinne Appetit auf mehr.

Feuchter Traum
Werbefilm, 47''. Regie: Djawid Hakimyar, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Zum Glück hat sich der Regisseur im Fall von „Feuchter Traum“ für Slow Motion entschieden, wir hätten sonst im Sekundentakt auf Pause gedrückt. Jede Szene ist bis ins kleinste Detail perfekt inszeniert und an feuchtfröhlicher Skurrilität kaum zu übertreffen. Das Casting verdient ein Sonderlob und macht Hugh Hefner’s Poolpartys zum Kindergeburtstag. Eine mutige Herangehensweise für ein konservatives Produkt. Liebe LBS: Zögern ist hier verboten, der Spot muss in die Rotation!

Perspektiven
Werbefilm, 116''. Regie: Johannes Kizler, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Amokläufe an Schulen sind leider bittere Wirklichkeit und verlangen im Umgang sehr viel Fein- und Mitgefühl. Die größte Leistung des Spots „Perspektiven“ liegt in der gelungenen Annäherung an das schwierige Thema und der Inszenierung wechselnder Blickwinkel. Bewusst versetzt der Regisseur dabei den Zuschauer in die Rolle des Beobachters UND in die des Täters. Ungeschönt und verstörend bringt er die Kernbotschaft auf den Punkt: Zuhören und hinsehen. Keine Tat geschieht ohne Grund.

The Revolution
Werbefilm, 90''. Regie: Nico Kreis, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Vive la France, vive la révolution! Im Spot „The Revolution“ werden große Geschütze aufgefahren, doch plötzlich verstummt das Kampfgetöse. Eine engelsgleiche Schönheit bahnt sich ihren Weg durch den Männerpulk. Erst als die Hüllen fallen, gibt der Regisseur das zu bewerbende Produkt preis. Mit seiner Schlusseinstellung liefert er gleich noch das Kampagnenmotiv für „Agent Provocateur“. Der Markenfit ist perfekt: Selten wurde die entwaffnende Wirkung von Frauen so treffend inszeniert.

Der Preisträger: Walk With Me
Werbefilm, 60''. Regie: Ju Lee, Hochschule für Fernsehen und Film München

Wo einen die Liebe hinträgt... Lovestorys sind so alt wie die Menschheit selbst, aber so eine Liebesgeschichte haben wir noch nie gesehen. Ohne Protagonisten. Nur mit Schuhen. Ganz schön gewagt, allein die Sneaker der beteiligten Personen agieren zu lassen. Beeindruckend, wie gut das Schauspiel trotzdem funktioniert. Der Spot mutet an wie ein verfilmtes Gedicht: Eine (be-)rührende Story, eingefangen in warmen Bildern, unterlegt mit perfekt passender Musik. „Walk With Me“ ist pure Poesie!

Die Nominierungen für den NO FEAR Award

After Spring Comes Fall
Spielfilm, 92'. Produktion: Ulrike Dorothea Schirmer, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Bei einem so aktuellen Thema wie dem der syrischen Flüchtlinge sollte die Finanzierung eines Abschlussfilms nicht schwierig sein, denkt man. Weit gefehlt: Förderer wollten nicht einsteigen, die Kooperation mit einem Sender scheiterte. Ulrike Dorothea Schirmer musste viele Kompromisse finden zwischen künstlerischem Anspruch und finanziell Machbarem. Immer wieder überzeugte sie Menschen, ohne Gage mitzuarbeiten, sprang notfalls selbst als Locationscout oder Aufnahmeleiterin ein. Das Ergebnis ist ein aufwühlender Film, dem man weder die Mühen der Produktion ansieht noch sein geradezu skandalös niedriges Budget. So etwas kann nur entstehen, wenn alle Beteiligten sich dem Projekt bis zum Äußersten verpflichtet fühlen – und daran hat diese junge Produzentin entscheidenden Anteil.

Dr. Illegal
Spielfilm, 27'. Produktion: Martin Rohé, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Einem iranischen Chirurgen, der als politischer Flüchtling in einem süddeutschen Asylbewerberheim lebt, wird die Approbation verweigert. Er beginnt, illegal im Heim zu praktizieren. Ein syrischer Koch wird sein erster Patient und ein Teppichmesser sein Operationsbesteck. – Produzent Martin Rohé zeigt Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. Auch er selbst hat sich bei der Umsetzung dieses Serienpiloten gegen viele Widerstände behauptet. Gemeinsam mit dem Autor hat er in Heimen in ganz Deutschland recherchiert. Die Enge, die Träume, die Überforderung auf allen Seiten – glaubwürdig sind diese Themen in die Geschichte eingearbeitet. Was für eine tolle Idee: ein Thema, das uns alle bewegt, auf unterhaltsame Weise umzusetzen! Die Pilotfolge ist gedreht – mehr davon!

Der Preisträger: The Long Distance
Dokumentarfilm, 93'. Produktion: Simon Riedl, Filmakademie Baden-Württemberg Ludwigsburg

Ein Dokumentarfilm über kenianische Marathonläufer und einen deutschen Sportmanager? Mit studentischem Budget ein wahnwitziges Vorhaben. Drehen in Kenia ist teuer, denn die Regierung handelt mit der einzigartigen Schönheit des Landes als wichtigem Wirtschaftsgut. Aber Produzent und Regisseur setzten alles auf eine Karte, um die komplizierten Beziehungen zwischen Europa und Afrika am Thema eines Sportfilms zu beleuchten. Die eineinhalb Jahre Drehzeit in Kenia gerieten zu einem ständigen Bangen um Genehmigungen und Gesetzesänderungen. Simon Riedl hat weder Strapazen noch Risiken gescheut und so einen Film ermöglicht, der eine ganz besondere Facette des globalen Ungleichgewichts beleuchtet.

Die Nominierungen für den Michael-Ballhaus-Preis

Alles wird gut
Spielfilm, 30'. Kamera: Sebastian Thaler, Filmakademie Wien

In einer 30-minütigen, atemlosen Tour de Force folgen wir einem Vater, der sein Kind entführt. Sebastian Thalers intelligente und intuitive Kamera scheint die Bewegungen der beiden herausragenden Darsteller fast vorauszuahnen: Mit Simon Schwarz stürzt er sich in den Rausch aus Verzweiflung und Entschlossenheit des Vaters, mit der 10- jährigen Julia Pointner bewegt er sich einfühlsam auf Augenhöhe – kaum zu glauben, dass dieses Kind hier zum ersten Mal vor einer Kamera stand. Sebastian Thaler drehte aus der Hand, in langen beweglichen Sequenzen. Er beweist dabei einen Instinkt für Körpersprache und Mimik, der die Schlussszene zu einem emotionalen Höhepunkt führt, dem sich wohl niemand entziehen kann.

Die Böhms – Architektur einer Familie
Dokumentarfilm, 84'. Kamera: Raphael Beinder, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

In diesem Portrait von Deutschlands bedeutendster Architektendynastie besticht die Kameraarbeit von Raphael Beinder durch eine ganz eigene Mischung aus Intimität und Distanz. In langen ruhigen Bildern zeigt er, wie Leben und Arbeit miteinander verschmelzen, schafft aber auch Raum für Andeutungen, welche Konflikte daraus resultieren. Plastisch und elegant, fast dreidimensional wirken seine Erkundungen der beeindruckenden Bauten des 95-jährigen Gottfried Böhm und seiner drei Söhne. Raphael Beinder, der bisher fast ausschließlich Spielfilme drehte, musste sich in diesem Projekt auch auf Ungeplantes einlassen, dem Zufälligen einen Bildraum geben – und das gelingt ihm so großartig, dass wir ihm und uns wünschen, dass er auch künftig zwischen den filmischen Welten wandert.

Der Preisträger After Spring Comes Fall
Spielfilm, 92'. Kamera: Johannes Waltermann, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

Ein politisch engagierter Spielfilm, dem Berlin als Kulisse dient – und Johannes Waltermanns Kameraarbeit zeigt uns trotzdem eine fremde Welt. Man sieht diesem Film seine beschränkten Mittel nicht an, denn Waltermann setzt die verfügbaren Ressourcen bewusst ein, verzichtet auf Effekte und visuelle Opulenz, arbeitet dafür mit Licht und Beweglichkeit. Ganz nah bleibt die Kamera an der aus Syrien geflüchteten Frau, so dass wir Verfolgung, Angst und Heimatlosigkeit aus ihrer Perspektive erleben. Weite Totalen und Vogelperspektiven kontrastieren dazu und machen die Verlorenheit der Protagonistin in der Kälte Berlins fast physisch erlebbar. – Unter den nominierten Dokumentarfilmen befindet sich eine weitere Arbeit Johannes Waltermanns. „Am Kölnberg“ ist ein besonderer Blick auf das Leben in einem sozialen Brennpunkt. Das Wechselspiel zwischen Vertrautem und Fremdem macht Waltermanns Bilder unvergesslich.

News

24.09.2018 

FIRST STEPS Awards 2018

Die Preisträger und JurybegründungenWeiter

06.09.2018 

Kinostart "Das schönste Mädchen der Welt"

Ab 6. September im KinoWeiter

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