Wettbewerb für Abschlussfilme deutschsprachiger Filmschulen

Drehbuch

Die drei Nominierungen für den Drehbuchpreis bezeugen ein vielfältiges Spektrum zwischen Horror-Epos, Episodenfilm und Neo-Western.

Driton Sadiku enthüllt in der Metapher des Vampirismus die gnadenlose, physische Brutalität des Krieges im Balkan um 1913. Ein gutes Beispiel dafür, dass Drehbücher eine Kraft erzeugen, die weit über die Kinoleinwand hinaus reicht: „Drakulla - Albaniens Dracula“ steht für sich, denn die Geschichte ist ein episches Werk, das zu jedem Zeitpunkt gleichermaßen spannend wie berührend ist. Kurzweilig, berührend und erstaunlich lebensweise erzählt Seraina Nyikos in „Sprit & Segen“ von drei sehr unterschiedlichen Außenseitern, die das Schicksal an einer vermeintlich durchschnittlichen deutschen Autobahnraststätte zusammenführt. Die Ensemble-Komödie begeistert mit skurrilen Charakteren, pointierten Dialogen und einem unbestechlichen Stilwillen. Was die junge Vietnamsein My Châu in „Wüste Hanoi“ Anfang der 90er in Ostdeutschland erlebt, ist grauenhaft, lebensbedrohlich und diskriminierend. Doch Mireya Heider de Jahnsen versieht diese großartige Frauenfigur mit solcher Kraft und Radikalität, dass sie zu keinem Zeitpunkt zu einem wehrlosen Opfer wird. Darüber hinaus lässt sie tieftraurige und urkomische Momente so gekonnt ineinanderfließen, dass wir abwechselnd lachen und weinen dürfen.

Werbefilm

In diesem Jahr bestechen die drei nominierten Werbefilme durch raffinierte Ideen, filmischen Feinschliff und überzeugende Bildwelten.
Mit präzisem Humor und poppiger Ästhetik warnt Hanna Seidel in „A Fished Up Life“ vor unbewusstem oder zumindest oberflächlichem Konsum. In Pascal Schelbli „The Beauty“ tauchen wir in eine zynisch und zugleich poetisch miteinander verwobene Bilderwelt aus animierten Meereslebewesen und Plastikpartikeln, die uns die Verschmutzung unserer Ozeane mit jedem Atemzug schmerzlich aufnehmen lässt. Vincent Dolinsek beweist in „Tools for Life“ sein untrügliches filmisches Gespür: Noch nie wurde die Leidenschaft für ein Werkzeug so konsequent und radikal demonstriert.

Abendfüllender Spielfilm

Der diesjährige Jahrgang zeigt Figuren und Welten zwischen dem Gestern, Heute und Morgen, in einem Spannungsfeld aus Sein und Schein, in Legalität und Illegalität, als Individuen oder Gemeinschaft. Auf intelligente, feine, politische, gesellschaftliche, berührende, verstörende und aufwühlende Art und Weise gezeichnet, zeugen davon nicht zuletzt die drei Nominierten für den abendfüllenden Spielfilm.
Darunter „The Trouble With Being Born“ von Sandra Wollner der Androiden als Hauptfiguren durch lose Erinnerungen und verdrängte Traumata folgt. Hinein in tiefe Abgründe voller Schönheit, Sehnsucht und Schmerz. Im ständigen Wechsel zwischen verstörender Realität und futuristischen Romantizismus. Ein sehr eigener, aufwühlender aber auch einfühlsamer Film, der uns unausweichlich mit den großen Fragen des menschlichen Seins konfrontiert. Woher kommen wir, wohin gehen wir? Damit muss sich auch die Figur des Carlos Kindermann in „Der Wert der Erde“ von Juan Mora Cid auseinandersetzen. In einer sehr nahbaren, feinfühligen, authentischen und unprätentiösen Ästhetik, erzählt er uns eine Geschichte über Recht und Unrecht, über Heimat und das Gefühl, das Richtige zu tun, auch wenn es erstmal nicht so scheint. Für Florian Dietrichs  Figuren in „Toubab“ haben diese Begriffe einen gewissen Interpretationsspielraum. Denn als Babtou in den Senegal ausgewiesen werden soll, sind er und sein Kindheitsfreund Dennis zu allem bereit, um die Abschiebung zu verhindern. Damit beginnt ihre rührende bromantic Comedy, die von Loyalität, Zugehörigkeit, Diversität und Heimat erzählt. Eine Heimat, die im Menschen inne wohnt. Damit ist ihm eine sehr unterhaltsame, in gleichem Maße politische und tiefgründige Erzählung gelungen, die überraschende Wendungen nimmt und uns am Ende auch weinen lässt. Vor Lachen, Wut und Trauer.

Mittellanger Spielfilm

Die Lauflänge zwischen 25 und 60 Minuten trifft man sehr selten an und daher erfordert sie ein besonderes Maß an Expositon, Aufbau und Erzählstrukur. Dass dabei aber ganz eindringliche, unterhaltsame oder dramatische Geschichten erzählt werden können, beweisen die in diesem Jahr drei nominierten mittellangen Filme:
In „Dreck“ inzeniert Ali Tamim einen 20-jährigen Iraker in Abschiebehaft, dessen eindringliches Bild von der Welt und seiner Perspektive durch einen fesselnden Monolog einen nicht die Augen abwenden lassen. Constanze Klaues  „Lychen 92“ zeigt uns den 12-jährigen Mo, der 1992 Teil einer Familie ist, die durch die Wende verloren hat. Die Absurdität des Alltags auf einem Dauerzeltplatz, die Wut über den Lauf der Geschichte und die Hoffnungslosigkeit durch Kinderaugen betrachtet, lässt uns die Angst und den Aufbruch einer Generation in eine neue Zeit erleben. Hochdramatisch und tragisch ist die von Marcela Vanegas inszenierte Suche der jungen Frau Maria nach ihrem Mann José. Nach einem Militärputsch ist Hoffnung kaum zu wagen und doch lässt sie ihr Kind zurück und macht sich auf den Weg. Auf ihren ehrgeizigen Spuren entführt uns „Zu den vier Winden / A los cuatro vientos“ in eine Welt der Angst, Sehnsucht und Liebe.

Kurz- und Animationsfilm

Die diesjährig nominierten Kurzspielfilme enthüllen ganz unterschiedlich empfundene Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft und spüren dabei einer Dringlichkeit nach, erzählt zu werden: jetzt mehr denn je.

Mit „Interstate 8“ schafft es Anne Anne Thieme durch gezielte Reduktion von Dialog den alltäglichen Schrecken von Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Polizeigewalt intensiv spürbar zu machen. Skurril, stilsicher und mit viel Liebe zu den Figuren erzählt Rosa Friedrich in „Topfpalmen“ die Geschichte der schwerhörigen und hochschwangeren Betti, die auf der Hochzeit ihrer Tante all den unterschwelligen Familiendramen begegnet. Regisseur Duc Ngo Ngoc lenkt mit „Trading Happiness / Trao Đổi Hạnh Phúc“ einen berührenden und schonungslosen Blick auf arrangierte Ehen in Vietnam, als meist einziger Ausweg, die Familie vor dem Ruin zu retten. Fast dokumentarisch fängt er dabei den Leidensweg der Vietnamesin Nghi und ihrer Tochter Phuong ein.

Götz-George-Nachwuchspreis

Die in diesem Jahr nominierten Schauspieler für den Götz-George-Nachwuchspreis zeigen uns ein- und nachdrücklich die vielfältigen Möglichkeiten des schauspielerischen Handwerks und lassen uns keine Sekunde an ihren Rollen und deren Gefühlswert zweifeln.
In „Dreck“ mimt Steven Sowah radikal und schonungslos den jungen Iraker Sad in den letzten Tagen vor seiner Abschiebung. Mit seinem präzisen Spiel mischt er gekonnt klassische Theaterdialoge mit feinem Kameraspiel und schafft so, eine bedrückend intensive Stimmung, die uns atemlos zurücklässt. Farba Dieng und Julius Nitschkoff verkörpern in „Toubab“ glaubhaft und unterhaltsam zwei Freunde, die alles tun, um die Abschiebung des einen zu verhindern. Dabei beweisen sie nicht nur komödiantisches Talent, sondern auch ein sehr sensibles Gespür für Emotionen und Tiefe. Mit Authentizität und großer Spielfreude begegnet uns Mikiyas Wolde in „Running Against the Wind“. Glaubwürdig und mitreißend spielt er die innere Zerrissenheit des jungen äthiopischen Fotografen Solomon zwischen Familie, Lebensträumen und der Realität auf der Straße und macht jede Wendung körperlich spürbar.

Dokumentarfilm

Für den Dokumentarfilm sind fünf sehr unterschiedliche, eigensinnige Arbeiten nominiert. Jeder Film vermittelt auf besondere Art die gesellschaftliche Dringlichkeit seines Themas, zugleich zeigen sie die Bandbreite dokumentarischer Arbeitsweisen und künstlerischer Entwicklungen, die in diesem Genre möglich sind.

In „Automotive“ unterwandert Jonas Heldt das neoliberale System eines industriellen Großkonzerns – mit einer außergewöhnlichen Mischung aus seismografischem Feingefühl, kritischem Blick und präzisem Humor. Auf eine persönliche Reise begibt sich Sharon Ryba-Kahn in ihrem Film „Displaced“, der seine Stärke in einer dringlichen, obgleich unbehaglichen Konfrontation mit der Vergangenheit und den aktuellen und persönlichen Auswirkungen der Schoah findet. Mit „Halb Traum“ überprüft Dandan Liu einfühlsam ihre eigenen Hoffnungen anhand der Lebensentwürfe dreier Kunstabsolventinnen und Freundinnen, deren berührende Geschichten von einstigen Träumen und dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft in China zeugen. Lisa Weber begleitet in „Jetzt oder morgen“ eine arbeitslose Familie in Wien über drei Jahre hinweg und legt mit ihrem würdevollen ethnografischen Gespür eine Zärtlichkeit frei, die in einem Milieu des Stillstands zunächst aussichtlos scheint. Auf eindrucksvolle Weise erzählt Erald Dika in „Neverland” von einer bisher kaum bekannten und brutalen Zäsur albanischer Landesgeschichte, dem ‚Lotterieaufstand‘ von 1997. Dabei verwebt er mit spielerischer Leichtigkeit das Dokumentarische mit szenischen Elementen.

Sonderpreise für Kamera- und Produktionsabschlüsse

Die Expert·innen aus der Spielfilm- und der Dokumentarfilmjury entscheiden gemeinsam über den Michael-Ballhaus-Preis für Kameraabsolvent·innen und den NO FEAR Award für Produktionsabsolvent·innen.

Michael-Ballhaus-Preis für Kameraabsolvent·innen

Bildgestaltung verlangt mehr als nur technisches Geschick: So begegnen wir dieser in besonders kraftvoller Weise, wenn sie dem Film durch einen leidenschaftlichen Austausch mit der Geschichte eine ganz eigene Magie verleiht. Die drei Nominierten für den Michael-Ballhaus-Preis finden die richtigen Bilder für ihre Geschichten und bedienen sich dabei unterschiedlichster gestalterischer Mittel.
Elegant bringt Matthias Halibrand in „Das beste Orchester der Welt“ zugleich absurd Komisches und erschreckend Reales zusammen. Die anspruchsvolle, aber zurückhaltend eingesetzte Technik überlässt mit liebevollem Blick dem außergewöhnlichen Helden dieser Geschichte die Bühne: der Sockenpuppe Ingbert. Mit „Tala'vision“ kreiert Philip Henze einen hypnotisierenden und intensiven Sog aus Bildern, der uns in die kleine, aber weite Welt der jungen, tapferen Tala eintauchen lässt. Mit einer faszinierenden Ruhe beobachtet die virtuose Handkamera liebevoll das wunderschöne Schauspiel und ermöglicht dadurch die volle emotionale Entfaltung einer sehr berührenden Geschichte. Ein besonders gelungenes Zusammenspiel von Regie, Kamera und Schnitt sehen wir in „Trading Happiness / Trao Đổi Hạnh Phúc“ – Meret Madörin erzeugt organische, fast dokumentarische Bilder in einem technisch herausfordernden Setting. Durch das bedingungslose Vertrauen in die Figuren legt sie in leisen, poetischen Tönen die Essenz dieses Films frei: die vielschichtigen Nuancen der Vietnamesin Nghi und ihrer Tochter Phuong im Kontrast zur schonungslosen Realität.

NO FEAR Award für Nachwuchsproduzent·innen

Die nominierten Produzentinnen für den NO FEAR Award überzeugen in diesem Jahr durch einen starken Willen, ein Wagnis einzugehen, verbunden mit einem persönlichen Anliegen, etwas Außergewöhnliches zu erzählen!
The Trouble With Being Born” erzählt ein vielschichtiges Geflecht großer gesellschaftlicher Themen, die sich langsam und verstörend hinter der Liebe zu einem 10-jährigen Androiden entfaltet. Die Produzentin Astrid Schäfer hat sich nicht abschrecken lassen, einen Abschlussfilm zu produzieren, der ein schwieriges Thema anspricht, in der Zukunft spielt und ein Androiden-Kind als Hauptfigur hat. Das hat uns sehr beeindruckt. Pia To hat es mit „Trading Happiness / Trao Đổi Hạnh Phúc“ geschafft, unter herausfordernden Bedingungen in einem Land mit eingeschränkter Pressefreiheit einen wichtigen und großartigen Film zu produzieren. Der Produzentin Lotte Ruf ist mit „Haus Kummerveldt“ eine ausgezeichnete Webserie gelungen, die 1888 im Münsterland spielt und dabei viel frischen Wind in das historische Setting bringt. Mit einem tollen Team, einer großartigen Besetzung und einem erfrischenden Format. Well done!

Die Jurybegründungen aus den letzten Jahren finden Sie hier...

News

05.08.2020 

FIRST STEPS feiert die Filmstars von morgen

Am 14. September ab 19 Uhr im Livestream auf dem Berliner HolzmarktWeiter

27.07.2020 

Filmförderung der Saarland Medien GmbH

Bewerbungsschluss am 4. September Weiter

27.07.2020 

Thomas Strittmatter Preis

Bewerbungsschluss am 18. SeptemberWeiter

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