Eine Person, die einen schwarzen Hut und eine Brille trägt, lächelt, während sie einen Blumenstrauß in der einen und einen Kristallpreis in der anderen Hand hält und in einem Saal mit rotem Teppich steht.
© Jirka Jansch / FIRST STEPS Award 2013

Abschied von Rosa von Praunheim

Andrea Hohnen, ehemalige künstlerische Leiterin von FIRST STEPS, erinnert an den am 17. Dezember verstorbenen Regisseur, Autor und Aktivist Rosa von Praunheim:

Rosa Erinnerungen

„Sag eine Minute lang nur Positives über dich!“

Das war eine typische Aufgabe, mit der Rosa von Praunheim angehende Filmschaffende überrumpelte. Er war ein sehr besonderer Lehrer (und bestimmt nicht immer nice-to-have). Er ermutigte junge Menschen, sich wahrzunehmen, sich zu (ver-)trauen, sich so zu sehen, dass sie ihre inneren Grenzen sprengen konnten. Er setzte sie aus: unangenehmen Situationen, Wahrheiten, Sex und Haut und dem Leben. Und er stand ihnen bei, wenn sie es ernst meinten mit ihrem schöpferischen Weg. Rosa lebte Kunst, er produzierte, bis zum seinem Tod, pausenlos: Gedichte, Gemälde, Zeichnungen, Texte und natürlich Filme, Filme, Filme.

Zu seinem 70. Geburtstag schenkte Rosa uns (auch das so eine typische Geste, das Schenken, die Großzügigkeit) eine Sammlung von 70 kurzen Filmen, in denen er den unterschiedlichsten Menschen begegnete, vom berühmten Anwalt bis zum schwulen Schornsteinfeger, von starken Frauen bis zu sensiblen Heteros. Immer, wenn mir die Grobheiten des Lebens zu schaffen machten, schaute ich mir vor dem Schlafengehen einen dieser Filme an. Darin verstrahlt Rosa seine Umgebung mit einer solchen Freundlichkeit, mit Neugier, Offenheit, Interesse, Zuwendung, das ist entwaffnend, ein Soul Food gegen Rechthaberei, Überheblichkeit und Unnahbarkeit. Sich Verschenken. Eine Anleitung fürs Leben, aber eben auch für die Kunst.

Ebenfalls zu seinem 70. Geburtstag verneigten sich fünf längst renommierte Filmschaffende vor ihrem Ratgeber, Förderer und Forderer, ihrem väterlichen Freund und Professor mit dem Film „Rosakinder“. Eins dieser „Kinder“ ist der Film- und Opernregisseur, Schriftsteller und Klassiknerd Axel Ranisch, und wir dürfen sicher sein, dass das Werk, das ihn weithin berühmt machte, ohne Rosas Einfluss nicht entstanden wäre: „Dicke Mädchen“, ein mit dem kolportierten Budget von 517,32 Euro gedrehter 80-Minüter, eigentlich einfach nur eine kreative Antwort auf den Frust, ständig auf Finanzierungen für seinen Abschlussfilm warten und Einsprüche kontern zu müssen. Ein Film, getragen von so viel Heiterkeit, Leichtigkeit, Verspieltheit, Ehrlichkeit und auch Traurigkeit, dass er Menschen in aller Welt verzauberte. Also eigentlich genau das, was Rosa in seinem herrlichen Lehr-Buch „Wie wird man reich und berühmt“ propagierte.

2013 feierten wir Rosa von Praunheim für seine segensreichen Einwirkungen auf den filmischen Nachwuchs mit dem FIRST STEPS-Ehrenpreis. Seine erste Reaktion: „So, das ist ja schön. Was zieh ich denn da an?“ (Ich glaube, er freute sich schon ein bisschen. Er kam in einer Wolke aus rosa Tüll mit Schleppe und natürlich passendem Hut.) Axel Ranisch hielt die Laudatio, und es entstand einer der denkwürdigsten Momente in der FIRST STEPS-Geschichte: Axel tanzte mit seiner 92-jährigen Oma Ruth Bickelhaupt einen hinreißenden Pas-de-deux. Das verschlug sogar Rosa ein wenig die Sprache – und dann hielt er eine Dada-Dankesrede, gerufen, gesungen, gesprochen, getanzt, die alle Dankesreden dieser Welt ein bisschen auf den Arm nahm und ein bisschen in den Schatten stellte.

Rote Teppiche ohne Rosa? Ohne seine Hüte? Undenkbar.

Bei seiner Beerdigung war es ganz still. Das hatte er sich gewünscht, und alle hielten sich daran, obwohl es wohl allen eigenartig vorkam, dass da nicht Gesang und Tanz und Konfetti war. Axel Ranisch, im Wespenkostüm, sagte: „So fühlen wir deutlicher, was fehlt.“ Und wir stellten uns vor, wie er gerade im Jenseits Petrus oder wem auch immer die freundliche Frage stellt: „Wie geht es dir? Hast du guten Sex?“ Über uns flog ein Eichelhäher von Baum zu Baum, das ist ein sehr aufmerksamer Vogel mit einer wunderschönen leuchtend blauen Feder am Flügel, also eher ein Exot unter den heimischen Vögeln. Und es fiel mir ein Gedicht von Rosa ein:

„Jeder hat ein Geheimnis.
Und du besonders.
Darum lieben dich
die Vögel
und werden dich in den
Himmel tragen
Wo Milch und Honig fließen.“

Andrea Hohnen, Jan 2026

Axel Ranischs Laudatio auf Rosa von Praunheim FIRST STEPS Awards 2013
Eine ältere Frau in einem weißen Anzug tanzt, während ein Mann in einem schwarzen Smoking auf der Bühne zusieht. Rosa und lila Beleuchtung unterstreicht die Szene. Der Text darüber lautet: Ruth Bickelhaupt tanzt für Rosa von Praunheim.
Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

Galerie Rosa von Praunheim