Jurybegründung zur Nominierung

Klug und mit großem Selbstverständnis sind die Themen Klassismus, Rassismus und Antisemitismus in den Geschichten der diesjährigen abendfüllenden Spielfilme verwoben, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Die drei Nominierten konzentrieren sich auf ganz unterschiedliche Weise, aber immer bewusst und aufrichtig auf die Innenwelt ihrer Figuren.

Wie gravierend verschieden es ist, aus welcher Position über rassistische Diskriminierungs-
erfahrung gesprochen wird, zeigt uns Sarah Blaßkiewitz auf: IVIE WIE IVIE lässt uns zunächst in die Welt der afrodeutschen Ivie eintauchen und ihre Freund·innen lieben lernen – um uns dann mit dem Auftritt ihrer Halbschwester Naomi die Komplexität und Sensitivität von Alltagsrassismus und Colorism verständlich nahezubringen. Eine bittere Sprachlosigkeit tut sich auf, die sich durch Austausch der gemeinsamen Familiengeschichte in eine berührende Sprache wandelt. Mit beeindruckendem Mut erzählt Benjamin Martins in SCHATTENSTUNDE von den letzten Stunden des christlichen Schriftstellers Jochen Klepper und seiner jüdischen Ehefrau und Tochter im nationalsozialistisch regierten Berlin. Ein Kammerspiel, das mit den Konventionen bricht und mit unerschöpflichem Einfallsreichtum eine künstlerische Übersetzung emotionaler Klaustrophobie findet. In BULLDOG inszeniert André Szardenings ein eindrückliches Beziehungsgeflecht zwischen Teenagemom Toni und ihrem 21-jährigen Sohn Bruno auf Ibiza – mit einer „Pasolini’schen Dritten“ gelingt hier die dramaturgische Neukonstellation im Liebesgefälle. Weit entfernt von einer Romantisierung moderner Auswanderungsgeschichten manifestiert dieser Film den alltäglichen Kampf inmitten der prekären Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse seiner Figuren.

Sarah Blaßkiewitz
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Geboren 1986 in Leipzig. Sie wuchs in Potsdam auf und ging fürs Studium der Audiovisuellen Medien (2006 bis 2011) nach Berlin. Während des Studiums begann sie parallel bei Filmproduktionen im Regie- und Kameradepartment zu arbeiten. Es folgten zudem Jobs in Schauspielagenturen und Castingstudios. Ihr Kurzfilm AUF DEM WEG NACH OBEN feierte seine Premiere 2011 auf dem Max Ophüls Festival. Der mittellange Film BLANK erschien 2016 und lief auf zahlreichen Festivals. 2017 erhielt sie zusammen mit der Produktionsfirma Sehr gute Filme Entwicklungsförderung für ihr Miniserienkonzept SUPERCREW (AT) vom Medienboard Berlin Brandenburg und hat im Januar 2018 die Pilotfolge fertig gestellt. 2019/2020 drehte sie ihren Debütfilm IVIE WIE IVIE zusammen mit Weydemann Bros. und ZDF Das kleine Fernsehspiel. 2019 gewann der Film den Baltic Event Award in der Sektion „Work in Progress" des Tallinn Black Nights Film Festival und wurde 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert.

Filmografie

Regie:

2021 IVIE WIE IVIE (Spielfilm, 109’)
2020 DRUCK FATOU (Webserie, 4 Folgen)
2018 SUPERCREW (Pilot Miniserie)
2016 BLANK (Mittellanger Spielfilm, 53’)
2016 SCHWARZ ROT GOLD (Kurzspielfilm, 10‘)
2013 UNSICHTBAR (Kurzspielfilm, 4‘)
2011 AUF DEM WEG NACH OBEN (Kurzspielfilm, 23‘)

Stand: 25.05.2021

IVIE WIE IVIE

Die afrodeutsche Ivie, von ihren Freunden ‚Schoko‘ genannt, wohnt mit ihrer besten Freundin Anne in Leipzig und arbeitet übergangsweise im Solarium ihres Ex-Freundes Ingo, während sie noch auf der Suche nach einer festen Anstellung als Lehrerin ist. Plötzlich steht ihre – ihr bis dahin unbekannte – Berliner Halbschwester Naomi vor der Tür und konfrontiert sie mit dem Tod des gemeinsamen Vaters und dessen anstehender Beerdigung im Senegal. Während die Schwestern sich langsam kennenlernen, stellt Ivie zunehmend nicht nur ihren Spitznamen, sondern auch ihr Selbstbild infrage.

Ausbildungsstätte: Freie Einreichung
Produktion: Weydemann Bros.
Filmkategorie: Spielfilm
Länge: 109 Minuten

Stab

Produzent·innen Milena Klemke, Jakob Weydemann, Jonas Weydemann, Yvonne Wellie
Regie Sarah Blaßkiewitz
Drehbuch Sarah Blaßkiewitz
Kamera Constanze Schmitt, David Schmitt
Schnitt Emma Alice Gräf
Szenenbild Maria Nickol
Kostümbild Clara Maria Kirchhoff
Maskenbild Juliane Hübner, Carlotta Ohlhoff
VFX/Animation Min Tesch
Tongestaltung Johannes Doberenz (O-Ton), Christoph Kozik (Sound Design), Gregor Bonse (Mischung)
Musik Jakob Fensch
Redaktion Varinka Link (ZDF Das kleine Fernsehspiel), Claudia Tronnier (ZDF Das kleine Fernsehspiel)
Darsteller·innen Haley Louise Jonas (Ivie), Lorna Ishema (Naomi), Anne Haug (Anne), Maximilian Brauer (Ingo), Anneke Kim Sarnau (Gabi)

Benjamin Martins
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Als ausgebildeter Schauspieler arbeitete Benjamin Martins zunächst am Theater und bei diversen TV- und Kinoproduktionen, bevor er 2013 mit dem Kurzfilm AMEISENPAKT sein Regiedebüt gab. Es folgten weitere Drehbuch- und Regiearbeiten. Seine Filme liefen über die Leinwände bedeutender Filmfestivals (u. a. in Berlin, New York und Los Angeles) und wurden mehrfach national und international ausgezeichnet. Schließlich gründete er mit seinem Hund Müsli die Filmproduktionsfirma Herbsthund Filme. Sein Film SCHATTENSTUNDE wurde 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert.

Filmografie

Regie:

2020 SCHATTENSTUNDE (Spielfilm, 78′)
2018 DANKE TOTE KATZE (Spielfilm, 84′)
2015 DON’T SHOOT ME MR. TALIBAN (Kurzspielfilm, 7′)
2014 AMEISENPAKT (Kurzspielfilm, 20′)

Stand: 03.05.2021

SCHATTENSTUNDE

Jochen Klepper lebte als christlicher Schriftsteller, Journalist und Dichter mit seiner jüdischen Frau Johanna und seiner ebenfalls jüdischen Stieftochter Renate zur Zeit des Nationalsozialismus in Berlin. Am 10.12.1942 scheiterte die Ausreise von Frau und Stieftochter aus dem ehemaligen Deutschen Reich und die Deportation der weiblichen Familienmitglieder stand kurz bevor. Von Adolf Eichmann vor die Goebbel‘sche Alternative gestellt, Beruf oder Ehe, traf Jochen Klepper eine unerhörte Entscheidung. Eine Entscheidung, die mit ihm tausende Deutsche in Mischehe getroffen haben. So leise, dass selbst heute nur wenige davon gehört haben. Dem Film, der die letzten gemeinsamen Stunden der Familie Klepper erzählt, liegen Jochen Kleppers umfangreiche Tagebuchaufzeichnungen zugrunde. Die letzten Gespräche der Familie sind sensibel mit den diversen Tagebucheinträgen Jochen Kleppers verwebt.

Ausbildungsstätte: Freie Einreichung
Produktion: Herbsthund Filme
Filmkategorie: Spielfilm
Länge: 78 Minuten
Drehformat(e): 1:1 und kurzzeitig 16:9 (4K)
Verleih: missingFILMs

Stab

Produzent·innen Floriana Maddalena Maiello, Benjamin Martins
Regie Benjamin Martins
Drehbuch Benjamin Martins
Kamera Malte Papenfuß
Schnitt Malte Papenfuß
Szenenbild Johanna Schließer
Kostümbild Eleni Chava, Theresa Ungarn
Maskenbild Monica Wegenast
VFX/Animation Meike Deutscher, Benjamin Brand, Johannes Engelhardt
Tongestaltung Dominik Lange (Tonmeister), Marc Lehnert (Sound Design und Mischung), Michael Bötticher (Sound Design und Mischung)
Musik Max Schuller
Darsteller·innen Christoph Kaiser (Jochen Klepper), Beate Krist (Johanna Klepper), Sarah Palarczyk (Renate Stein), Boris Becker (Der Schatten), Klaus Rodewald (Hans Karbe), Dirk Waanders (Adolf Eichmann)

André Szardenings
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Geboren 1989 in Düsseldorf. Drei Jahre Musik- und Schauspielunterricht. Nach dem Abitur 2009 diverse mehrmonatige Praktika bei Filmproduktionen. Ab 2010 Aufbau eines eigenen Studios/Ateliers für Filmaufnahmen und Equipmentverleih. Produktion von mehreren Kurzfilmen. Weitere Erfahrung gesammelt als Location PA bei dem Projekt CLOUD ATLAS unter der Regie von Tom Tykwer und bei dem Projekt SOKO KÖLN. Seit 2011 tätig als Kameramann und Regisseur für Werbung und Spielfilm. 2018 Abschluss des Studiums an der ifs internationale filmschule Köln im Studiengang Filmregie mit dem Spielfilm BULLDOG, für den er 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert wurde.

Filmografie

Regie:

2021 BULLDOG (Spielfilm, 95′)
2017 DER STUDENTENFILM (Kurzspielfilm, 10′)
2016 NÄHE (Kurzspielfilm, 5′)
2015 ENDLICH EIN GRUND ZUR PANIK (Kurzspielfilm, 25′)

Stand: 03.05.2021

BULLDOG

Seitdem der 21-jährige Bruno denken kann, gibt es nur ihn und die bedingungslose Liebe seiner 15 Jahre älteren Mutter Toni. Nichts anderes scheint im chaotischen Leben der beiden Platz zu finden. Erst als Hannah, die neue Partnerin von Toni, in den gemeinsamen Bungalow in Spanien zieht, droht Bruno die identitätsstiftende Liebe seiner Mutter zu verlieren. Verdrängt aus dem gemeinsamen Bett, muss Bruno erkennen, dass sein bisheriges Verantwortungsgefühl für Toni eine größere Last für ihn ist als gedacht. Vor der Entscheidung zwischen seinem eigenen Leben und der erdrückenden Beziehung zu seiner Mutter stehend, realisiert Bruno, dass dies seine erste eigene Entscheidung sein wird…

Ausbildungsstätte: ifs internationale filmschule köln
Filmkategorie: Spielfilm
Länge: 95 Minuten
Drehformat(e): RED Gemini 5K
Verleih: missingFILMs

Stab

Produzent·innen Katharina Kolleczek, Lea Neu
Regie André Szardenings
Drehbuch André Szardenings
Kamera André Szardenings
Schnitt Antonia-Marleen Klein
Szenenbild André Szardenings, Till Kleinau
Kostümbild Kaya Olbs
Maskenbild Lea Reitberger
VFX/Animation Julian Peters
Tongestaltung Lukas Rabl (O-Ton, Sound Design & Mischung)
Musik NOIA (Eduardo Noya Schreus)
Redaktion Natalie Lambsdorff (Bayerischer Rundfunk)
Darsteller·innen Julius Nitschkoff (Bruno), Lana Cooper (Toni), Karin Hanczewski (Hannah), Moritz Führmann (Andreas Völker), Zoe Trommler (Zoe), Cosima Henman (Arbeitskollegin)

Über die Nominierungen in der Kategorie abendfüllender Spielfilm hat die Spielfilmjury, bestehend aus Jonas Dornbach, Yoshi Heimrath, Robert Hofmann, Soleen Yusef und Maryam Zaree, entschieden.