Jurybegründung zur Nominierung

Kino im Kurzfilm. Mit den diesjährigen Nominierungen begeben wir uns auf eine cineastische Reise durch die skurrilen Alltagsgeschichten am Kassenhäuschen eines Kölner Programmkinos, hinweg über die malerische, zugleich morbide 2D-Animation eines Damaskus im Krieg bis hin zum leisen, träumerischen Porträt eines jungen Indonesiers.

Semih Korhan Güner inszeniert den skurrilen Alltag eines Filmvorführers, der selbst lieber auf, statt hinter der Leinwand zu sehen wäre. Ein Film, der bewusst auf einen dramaturgischen Bogen verzichtet und von seiner schrägen, komischen Figur lebt. VOR DER LEINWAND überrascht mit seiner experimentellen Leichtigkeit und einer erfrischenden Tonalität. Jalal Maghouts deformierte, surreale Bilder animieren die aufwühlende Innenschau eines Menschen im Zustand des Wartens auf seine Flucht. Die faszinierende Visualisierung von Ängsten und Traumata lässt HAVE A NICE DOG! über distanziertes Verstehen hinauswachsen und zu einem einfühlsamen Erleben werden. Mit DEAR TO ME gelingt Monica Tedja eine feinfühlige Erzählung, die uns die Einsamkeit ihres heranwachsenden Protagonisten Tim zwischen konservativem Glauben und aufblühender Sexualität authentisch nahebringt. Eine elliptische Dramaturgie und ein fantastischer Moment der Imagination spiegeln dabei seine beständige Sehnsucht nach einem anderen Menschen.

Semih Korhan Güner
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Nachdem Semih Korhan Güner von der Schule flog, arbeitete er zuerst beim Zoll in Istanbul und dann als Animateur in Hotels und als Lebensretter in den Swimmingpools von Miami. Danach studierte er Film und Fernsehen an der Marmara Universität. Seit 2016 lebt er in Deutschland, wo er 2020 sein postgraduales Studium an der KHM mit Auszeichnung abschloss. Sein Abschlussfilm VOR DER LEINWAND wurde 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert. Momentan schreibt er an seinem Debütfilm, in dem sich deutsche Tourist·innen in türkischen Hotels über all-inclusive-Buffets hermachen. Des Weiteren produziert er einen Kurzspielfilm, der vom Höfesterben in Deutschland handelt.

Filmografie

Regie:

2020 VOR DER LEINWAND (Kurzspielfilm, 25′)
2018 BOY (Kurzspielfilm, 16′)
2018 LEUCHTKÖRPER (Kurzspielfilm, 10′)
2015 BEHIND THE WALLS (Spielfilm, 20′) 2013 THE ECLIPSE (Kurzspielfilm, 14′)

Stand: 03.05.2021

VOR DER LEINWAND

Er sieht was, was Du nicht siehst und das bist Du.
In den Kinosälen hängen Überwachungskameras und vorm Kino liegen schlafende Obdachlose.
Jannik ist Filmvorführer, sitzt während seiner Schicht hinterm Bildschirm und beobachtet die wenigen Kinobesucher·innen. Dabei wäre er doch eigentlich lieber selbst auf der Leinwand zu sehen. Häufig verschwimmt in seinem Umgang mit Menschen die Grenze zwischen Spiel und Realität. Und er wird die Obdachlosen einfach nicht los.

Ausbildungsstätte: Kunsthochschule für Medien Köln
Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln
Filmkategorie: Kurzspielfilm
Länge: 25 Minuten
Drehformat(e): Arri Alexa

Stab

Regie Semih Korhan Güner
Drehbuch Semih Korhan Güner
Kamera Cedric Ernoult
Schnitt Semih Korhan Güner
Szenenbild Lisa Knobe
Kostümbild Victoria Shved
Maskenbild Ursula Windmann
Darsteller·in Simon Steinhorst (Jannik)

Jalal Maghout
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Geboren 1987 in Syrien. Bereits seinen Bachelorabschluss Visuelle Kommunikation an der Universität Damaskus machte er 2010 mit einem Animationskurzfilm. 2013 verließ er Syrien, um nach Berlin zu gehen, wo er umgehend mit den Arbeiten an seinem Animadok SULEIMA begann. Der Film über eine syrische Oppositionelle lief in vielen Wettbewerben der wichtigsten Animationsfilmfestivals weltweit. 2015 begann er das Masterstudium Animationsregie an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. HAVE A NICE DOG! ist sein Master-Abschlussfilm und wurde 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert.

Filmografie

Regie:

2020 HAVE A NICE DOG! (Animationsfilm, 13′)
2020 HIER OBEN, BEI DEN WEISSEN GÖTTERN (Animierter Dokumentarfilm, 12′)
2014 SULEIMA (Animierter Dokumentarfilm, 15′)
2013 CANVAS ON MIXED MEDIA (Animationsfilm, 5′)
2010 CREATURES OF INEXISTENCE (Animationsfilm, 15′)

Stand: 17.05.2021

HAVE A NICE DOG!

Gefangen im vom Krieg umgebenen Damaskus, wartet ein einsamer Mann verzweifelt auf eine Chance, das Land zu verlassen. In seiner Isolation verliert er sich immer mehr in andauernden Fluchtfantasien und Selbstgesprächen. Einzig sein Hund Baroud bietet ihm noch stumme Ansprache. Doch scheint auch dessen Verhalten lediglich ein Spiegel des Seelenlebens seines Herrchens zu sein. Als einer seiner letzten Bekannten die unmittelbare Ausreise verkündet, fasst der Mann einen fatalen Entschluss.

Ausbildungsstätte: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Produktion: Karsten Matern
Filmkategorie: Animationsfilm
Länge: 13 Minuten

Stab

Produzent·in Karsten Matern
Regie Jalal Maghout
Drehbuch Jalal Maghout
Schnitt Jalal Maghout
Tongestaltung Oscar Zöllner (Sound Design), Nicolas Voss (Mixing & Sound Supervision)
Musik Dascha Dauenhauer

Monica Vanesa Tedja
© Fabian Raabe · FIRST STEPS Award 2021

Geboren 1991 in Jakarta (Indonesien). Schon in jungen Jahren bemerkte Monica Vanesa Tedja ihre Vorliebe, die Familienurlaube zu filmen. Bekannt für ihre Arbeiten, die oft über Tabuthemen handeln, hat diese genreübergreifende Regisseurin ihre Freiheit zum Ausdrücken ihrer Sorgen durch Filmemachen gefunden. Einer ihrer Kurzfilme SLEEP TIGHT, MARIA gewann im Kurzfilmwettbewerb in France Film Festival 2015 in Indonesien. 2016 zog sie nach Berlin, um an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF den Masterstudiengang Filmregie zu absolvieren. DEAR TO ME ist ihr Abschlussfilm und wurde 2021 für den FIRST STEPS Award nominiert.

Filmografie

Regie:

2020 DEAR TO ME (Kurzspielfilm, 19′)
2019 DIE STILLE DAZWISCHEN (Kurzspielfilm, 15′)
2015 THE FLOWER AND THE BEE (Kurzspielfilm, 9′)
2015 SLEEP TIGHT, MARIA (Kurzspielfilm, 15′)
2012 KONSEPTOR KAMUFLASE (THE CAMOUFLAGE) (Kurzspielfilm, 12′)
2012 HOW TO MAKE A PERFECT XMAS EVE (Kurzspielfilm, 11′)

Stand: 03.05.2021

DEAR TO ME

Ein 27-jähriger Indonesier namens Tim macht mit seinen beiden Eltern einen Familienurlaub auf einer abgelegenen Insel fernab der Stadt. Sie erfahren vom Mythos eines wiedergeborenen Hirsches, der irgendwo am Strand existiert. Die Inselbewohner·innen glauben, dass der Anblick des Hirsches ein Zeichen der Begegnung mit dem Seelenverwandten ist. Tim bleibt der Einzige, der insgeheim hofft, den Hirsch zu entdecken, und der seinen Wunsch vor seinen sehr frommen christlichen Eltern verbirgt.

Ausbildungsstätte: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Produktion: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Convoy Concept, Studio Rumah Kedua
Filmkategorie: Kurzspielfilm
Länge: 19 Minuten
Drehformat(e): Arri Amira; 2K

Stab

Produzent·innen Felix Schwegler, Astrid Saerong
Regie Monica Vanesa Tedja
Drehbuch Monica Vanesa Tedja
Kamera Jonas Römmig
Schnitt Anna-Lena Engelhardt
Szenenbild Jesika Rumenda
Kostümbild Vania Thufaila
Maskenbild Vania Thufaila
Colour Marcus Badow
VFX/Animation Kolja Hübschmann, Milena König, Alexander Marschner
Tongestaltung Dandy Fauzan (O-Ton, Sound Design, Mischung), Daniel Hamnett (Sound Design, Mischung)
Musik Anna Kühlein
Darsteller·innen Jourdy Pranata (Tim), Jerome Kurnia (James), Willem Bevers (Johan), Wani Siregar (Liana), Abbe Rahman (Mas Ucup)

Über die Nominierung in der Kategorie Kurz- und Animationsfilm hat die Spielfilmjury, bestehend aus Jonas Dornbach, Yoshi Heimrath, Robert Hofmann, Soleen Yusef und Maryam Zaree, entschieden.