Short Steps: Michael Dämmig · BLOOM
© Daniel Seiffert

Short Steps: Michael Dämmig · BLOOM
Ausbildungsstätte: ifs Internationale Filmschule Köln
Länge: 4 Minuten

Jurybegründung:

Der traurige Baum Karl kann seinen Wehmut für einen Augenblick vergessen, als ihm eine Mango von den vielen hochgewachsenen, fruchttragenden und feiernden Mangobäumen um ihn herum zufällt. Als ihm ein hungriger Affe die Frucht wegschnappen möchte, wird es ungemütlich und es kommt zu einem Streit. BLOOM stellt über eine metaphernreiche Bildwelt Fragen nach dem Zwischenmenschlichen, dem Eigentlichen – und überzeugt durch seine Expressivität, die Lebhaftigkeit der Erzählung und die anspruchsvoll designten Charaktere, die es einem nicht schwer machen, mitzufühlen und zu -fiebern. Michael Dämmig ist es gelungen eine in sich geschlossene und technisch eindrucksvolle Welt zu kreieren, in der die Spannung konstant zugegen ist. Das Spiel von Nähe und Distanz ist eingebettet in eine ausgewiesene Dramaturgie, die keiner gesprochenen Sprache bedarf und von einer kontrastierenden Musik getragen wird. Gerade in Zeiten globaler Krisen, wo das gesellschaftliche Miteinander ständig herausgefordert ist und sich die Frage nach Gerechtigkeit und Verantwortung stellt, erscheint ein Animationsfilm wie BLOOM als Lichtblick, der das Warme und Menschliche in den Mittelpunkt rückt und für das Gemeinsame, Nachsichtige und Wohlwollende steht. BLOOM ist ein Spiegel für uns alle.

Kurzfilm: Moritz Adlon · DER RÜCKWEG
© Daniel Seiffert

Kurzfilm: Moritz Adlon · DER RÜCKWEG
Ausbildungsstätte: Hochschule für Fernsehen und Film München
Länge: 23 Minuten

Jurybegründung:

Ein Kammerspiel ohne Wände. Die Grenze ist die Unendlichkeit dahinter. Wenn sich diese Grenzen auflösen, wird der moralische Horizont sichtbar. An diesem Horizont, das unsichtbare Grauen. Ganz nah vor der Kamera, zwei Gefangene des Schicksals in einer ausweglosen Situation. Wenn sich jeder selbst am nächsten ist, nagt der Hunger an den moralischen Werten eines jeden. Die Inszenierung schafft es, diese unsichtbaren Grenzen aufzulösen und absolute Verzweiflung fast unerträglich überzeugend darzustellen. Mit dem klugen Einsatz von reduzierten Effekten, herausragenden Schauspielerinnen, einer unter die Haut gehenden Bildsprache und der erzählerischen Konzentration auf das Wesentliche, schafft es dieser Kurzfilm einen beklemmend präzisen Blick in die Tiefe der menschlichen Seele zu geben.

Dokumentarfilm: Dieu Hao Do · HAO ARE YOU
© Daniel Seiffert

Dokumentarfilm: Dieu Hao Do · HAO ARE YOU
Ausbildungsstätte: Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Länge: 93 Minuten

Jurybegründung:

Dieu Hao Do hält zu zu Beginn des Films ein Foto hoch: „Das sind meine Onkel und Tanten, 7 Geschwister, die nicht mehr miteinander sprechen, teilweise seit Jahrzehnten“
Wer ist schuld? Die zweifache Flucht erst aus China, dann aus Vietnam? Die Gewalterfahrung während des chinesischen Regimes? Die Chinesische Kultur?
„Der Kommunismus!“ – sagt die Mutter in Deutschland. Darauf scheinen sich alle zu einigen.
„Willst du mich schlagen?“ – schreit der Onkel am Telefon Dieu Hao Do an – „Warum sollte ich dich schlagen?“ – „Was willst du von mir?“ – schreit der Onkel.
Dieu Hao Do macht sich auf die Reise zu den in der Welt versprengten Geschwistern, nach Hongkong, Los Angeles, Vietnam und zu seiner Mutter, seinem Vater, seinem Onkel in Deutschland, und versucht das Unbegreifliche sichtbar zu machen, für sich, für seine Familie und uns. Er trifft auf Wut und Abwehr, Schmerz und Trauer, und auch einer Sprachlosigkeit, in der eine Erkenntnis oder auch ein Frieden nicht möglich scheinen.
HAO ARE YOU erinnert an eine filmische Skizze, die sich alles erlaubt: Die Bilder von Florian Mag erzählen im Stil des Direct Cinema, sie werden verzahnt mit Archivbildern, dazu mit Gesprächen, die Dieu Hao Do mit den Familienmitgliedern führt, die sich dann zwischen den Geschwistern verselbständigen und eskalieren. Dann hält der Film kurz inne, in einem Raum, einem Gang, einer Straße – wie ein kurzes Atemholen – zusammengehalten von der Stimme Dieu Hao Dos, der Musik von Delphine Malaussée, den Geräuschen der Straßen in Saigon.
HAO ARE YOU ist dabei so luftig leicht und emotional erzählt, um dann wieder abrupt abzubrechen. Eine Familienerzählung die zersplittert scheint, so wie die Welt, in der wir leben.

Michael-Ballhaus-Preis: Caroline Spreitzenbart · LIFE IS NOT A COMPETITION. BUT I'M WINNING
© Daniel Seiffert

Jurybegründung:

Selbstbewusst und provokant. Klassisch und progressiv. Farbig und schwarz-weiß.
Visuell eindrucksvoll wird eine urkonventionelle Ästhetik neu interpretiert und mit spannenden Ideen zu einem Look verwoben, den man in seiner Kraft, Individualität, Stärke und Mut selten gesehen hat. Eine stilsichere Handschrift, die die abgebildeten Menschen zu Ikonen macht und gleichzeitig in ihre Herzen blicken lässt. Dokumentarische Bilder kombiniert mit Archivmaterial und inszenierten Momenten durchschütteln stereotypische Gendervorstellungen und präsentieren uns ein frisches und neues Sehgefühl in pastelligen Farben.

Drehbuch: Mathis van den Berg · DIE SCHLACHTEN DER MADAME KAULLA
© Daniel Seiffert

Drehbuch: Mathis van den Berg · DIE SCHLACHTEN DER MADAME KAULLA
Ausbildungsstätte: Filmakademie Baden-Württemberg
Länge: 185 Seiten

Jurybegründung:

„Wenn man uns um einen Tipp gebeten hätte, worauf man beim Drehbuchschreiben achten sollte, hätten wir wohl gesagt: „Such dir eine einfache, berührende Geschichte, eine Protagonistin mit einem klaren Ziel und bleib sparsam in den Mitteln, nicht zu viele Figuren und Schauplätze. Das verwirrt nur. Und ach ja, halte dein Buch so kurz wie es nur geht…“
Mit diesen Ratschlägen wären wir beim diesjährigen Gewinner voll gegen die Wand gefahren.
Auf sage und schreibe 183 atemberaubenden Seiten werden wir in eine selten gezeigte historische Epoche ins Württembergische Herzogtum von Friedrich II. geführt. Mit einer beeindruckenden Genauigkeit und lyrischen Kraft wird uns das Treiben am napoleonischen Hof ebenso plastisch vor Augen geführt, wie das grassierende Elend im jüdischen Ghetto von Hechingen. Gebannt folgen wir der Heldin und können uns der Sogkraft der Geschichte kaum entziehen.
Das Leben von Karoline Kaulla entblättert sich in einem epischen Erzählbogen. Als erste Armeelieferantin, Bankerin und Jüdin führt sie ihr Familienunternehmen mutig und geschickt durch die Wirrungen des deutsch-französischen Kriegs – allen antisemitischen und frauenfeindlichen Anfeindungen zum Trotz. Dabei setzt Mathis van den Berg seine einprägsamen und psychologisch fundierten Figuren mitreißend in Szene.

NO FEAR Award: Clara Gerst · SPRICH MIT MIR
© Daniel Seiffert

NO FEAR Award: Clara Gerst · SPRICH MIT MIR
Ausbildungsstätte: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Länge: 80 Minuten

Jurybegründung:

Gute Produzent:innen müssen viele, sehr unterschiedliche Qualitäten haben. Sie müssen überzeugen und motivieren, sie müssen ausgleichen und verhandeln, sie müssen Ruhe bewahren und durchhalten, sie müssen den Überblick bewahren und gleichzeitig das Gespür für die Details haben. Die Gewinnerin des diesjährigen NO FEAR Award hat all dies. Clara Gerst hat eine kreative Vision von Anfang an unterstützt und mitgestaltet, hat trotz größter Budget-Herausforderungen für faire und nachhaltige Bedingungen gesorgt, hat ein überwiegend weibliches Kern-Team zusammengestellt und eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre geschaffen. Und als die Corona-Pandemie kam und den mit so viel Leidenschaft und Umsicht geplanten und bereits fertig vorbereiteten Dreh im Ausland unmöglich machte, hat sie den Film nicht scheitern lassen, sondern mit dem Team so umgestaltet, dass er stattdessen im Lockdown in Deutschland realisiert werden konnte. Herausgekommen ist ein sehr berührender Film.

Big Audience Award: Merle Grimme · CLASHING DIFFERENCES
© Daniel Seiffert

Big Audience Award: Merle Grimme · CLASHING DIFFERENCES
Ausbildungsstätte: Hochschule für Fernsehen und Film München
Länge: 72 / 75 Minuten

Jurybegründung:

Ein aktuelles gesellschaftliches Thema in dem eigenen Debüt mit dem Mittel der Satire und nicht der üblichen dramatischen Abwärtsspirale zu erzählen, erfordert Courage und vor allem Selbstbewusstsein. Merle Grimme zeigt in CLASHING DIFFERENCES mit ihrem Buch und ihrer Regie, dass sie das „Big Audience“ nicht fürchtet, sondern durch Humor und scharfen Blick mitnehmen möchte. Und das gelingt ihr sowohl im Film und in der Serie, ohne dabei ihre eigene Handschrift zu verlieren und nur für die eigene „Bubble“ zu erzählen. Merle Grimmes Debüt sticht daher als Gesamtwerk, insbesondere auch in der Auswahl und Führung eines großartigen Ensembles aus der Vielzahl von Produktionen auch erfahrener Filmemacher:innen heraus, die sich mit dem Thema Diversität und Identität beschäftigen. Wir freuen uns auf mehr.

Abendfüllender Spielfilm: Hannes Hirsch · DRIFTER
© Daniel Seiffert

Abendfüllender Spielfilm: Hannes Hirsch · DRIFTER
Ausbildungsstätte: Universität der Künste Berlin
Länge: 79 Minuten

Jurybegründung:

Dieser Film ist eine aufregende Reise, eine Odyssee, an deren Ende vielleicht so etwas wie die Erkenntnis des Selbst steht. Dieses Selbst war am Anfang noch jemand anderes, wenigstens äußerlich, aber dann kommt ein harter Schnitt und ein anderes Leben beginnt. Die Beobachtungen hier sind fein und sehr genau. In einer zuerst überfordernden Großstadtszene entdeckt dieser Film eine Zärtlichkeit, eine Zerbrechlichkeit und eine Einsamkeit, der es zu entkommen gilt. Ganz beiläufig und uneitel präsentiert uns DRIFTER von Hannes Hirsch die Heldenreise eines Antihelden in naturalistischen Bildern und mit einem überragend durchlässigen Hauptdarsteller. Dabei liefert DRIFTER eine kluge Bestandsaufnahme von Communities und Ritualen, von sexuellen und sozialen Unverbindlichkeiten, Begehren und letztlich, so kitschig es klingen mag – vom Wunsch Liebe zu finden.

Götz-George-Nachwuchspreis: Bayan Layla · ELAHA
© Daniel Seiffert

Götz-George-Nachwuchspreis: Bayan Layla · ELAHA
Ausbildungsstätte: Filmakademie Baden-Württemberg
Länge: 110 Minuten

Jurybegründung:

Diese Rolle fordert Mut und einiges ab. Es geht um Selbstbestimmung und Freiheit und letztlich um das Recht auf die eigene Sexualität und den eigenen Körper. In einer restriktiven Gemeinschaft sucht die junge Elaha ihren eigenen Weg. Bayan Layla macht in ihrem Spiel keine Kompromisse und schafft es bravourös die Widersprüche ihres Umfeldes in der Zerrissenheit ihrer Figur zu zeigen. Mal kindlich und verletzlich, dann sehr bestimmt, furchtlos, rebellisch, aber vor allem kraftvoll spielt sie die Elaha. Eine schwierige Gratwanderung, die Bayan Layla nuanciert meistert und uns mit ihrer Leinwandpräsenz begeistert.

Mittellanger Spielfilm: Paul Ertl · DER RISS
© Daniel Seiffert

Mittellanger Spielfilm: Paul Ertl · DER RISS
Ausbildungsstätte: Filmakademie Wien
Länge: 53 Minuten

Jurybegründung:

Der mittellange Film ist Segen und Fluch zugleich für Filmemacher:innen. Er ist zu kurz, um in die Kinos zu kommen und zu lang, um auf den hunderten Kurzfilmfestivals weltweit zu laufen. Doch diesem Film sieht man an, dass die Länge nicht relevant ist. Er will eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die sich traut. Eine Geschichte, welche die Grenzen zwischen den Genres so leicht wie möglich bricht und doch wieder aufbaut. Es wird eine Geschichte erzählt, in dem das Publikum versinkt und man mit der Protagonistin Tiefen und vor allem Höhepunkt erlebt. Das unglaublich fein durchdachte Szenenbild und die meisterhaft geführte Kamera tun noch ihresgleichen, um diesen Film zu einem Erlebnis auf der Leinwand zu machen.